Lebenslauf

DruckversionPDF-Version

Zeige mir, wie Du läufst und ich sage Dir, wie Du lebst.

Nach fünf Minuten ist mein Atem praktisch aufgebraucht. Schwindel, Übelkeit, Schweiß, Puls weit über 120. Obwohl ich seit November 2002 trainiere, nicht ganz regelmäßig, aber beinahe regelmäßig.
Ich werde wütend. Erst aufs Klima. Es ist viel zu schwül an diesem Juli-Abend, um sich um den Jacobi-Weiher zu mühen.
Dann auf mich. Es darf doch eigentlich nicht wahr sein, dass ich nach so langer Zeit noch immer die Kondition eines Anfängers habe. Ich mache also mal wieder etwas falsch. Wie immer. Wie mit allem. Wie mit meinem Leben.
Dieser Lauf um den Jacobi-Weiher ist ein Polaroidbild meines Lebens. Er zeigt alle Details in einer Momentaufnahme.

Ich schwitze. Fluche. Ich habe keinen Spaß. Ich hasse die Anstrengung. Meine Wut steigt. Mein Frust steigt. Ich habe keine Lust. Ich hasse diese Anstrengung. Ich hasse diesen Lauf.
Wie sollte ich ihn auch nicht hassen? Ich mühe mich ab und es führt zu nichts. Trotz Mühe kein Fortkommen. Statt dessen Übelkeit und Schwindel. Dazu Wut. Und Neid. Auf die anderen Jogger, die trotz der Schwüle voller Schwung um den Weiher laufen, mich überholen, an mir vorbeilaufen. Aus meinen Augen verschwinden. Schneller, kräftiger, ausdauernder, erfolgreicher.

Voller Zorn frage ich mich, was ich falsch mache mit diesem Lauf. Ich habe noch immer nicht kapiert, wie es geht, wie ich es richtig machen muss. Trotz des Trainings habe ich es immer noch nicht kapiert. Wer außer mir braucht so lange um zu verstehen, wie man richtig läuft?

Ich schleppe mich weiter. Mein Körper wiegt mit jedem Schritt ein Kilo mehr. Bald bin ich auf 70, 90, 130 Kilo. Und laufe erst seit 10 Minuten. Ich kann schon nicht mehr. Ich schaffe es nicht. Ich werde diesen Lauf vorzeitig abbrechen müssen. Meine Beine werden taub. Aus der Luft kann ich keinen Sauerstoff mehr gewinnen.
Man darf nicht bei der kleinsten Anstrengung aufgeben. Man muss weitermachen, auch wenn es einem schwer fällt, man muss gegen Widerstände angehen. Was für Lebens- und Laufweisheiten.
Aber was, wenn man kollabiert? Was, wenn man die Ausdauer dazu nicht hat? Was dann tun? Was, wenn es nicht klappt, wenn man nicht kann, es ganz einfach nicht kann?
Laufen bis zum Umfallen oder doch aufgeben?

Ich versuche, Spaß zu haben. Ich gebe mir alle Mühe.
Schau da, das Licht auf dem Weiher!
Schau da, der geknickte Baumstamm in seinem Schatten im Wasser!
Schau da, die Ente! Diese nette Ente. Eine schöne Ente. Freu Dich, hab Spaß, genieß verteufelt noch mal diesen Lauf um Weiher und Baumstamm und nette Ente.
Schau, die Ente, eine schöne Ente. Schöne Ente! Schöne Ente schöne Ente schöne Ente schöne Ente schöneente schöneente schöneente schöneenteschöneenteschöneente schnenteschnenteschnenteschnente FreuDichVerdammtNochMal!
Du Entenversagerin.

Ich kriege kaum mehr Luft, der Schweiß verklebt mich, ich bin allergisch gegen meinen eigenen Schweiß, meine Haut wird rot und beginnt zu jucken und zu brennen. Ich laufe weiter und kratze mich dabei fast blutig. Wie soll ich diesen Lauf zu Ende bringen, wenn ich allergisch gegen meinen eigenen Schweiß bin? Wie kann ich mich anstrengen bei diesem Lauf, wenn ich gegen mein Inneres allergisch bin und es mich auf diese Weise behindert?
Die Zunge klebt mir hinten im Gaumen. Ich spucke aus. Mein Speichel ist so zäh, dass der Schleimfaden nicht abreißt, sondern mir aus dem Mund hängt wie der Kot eines Hundes, der Gras gefressen, aus dessen After oder wie die Absonderung eines grässlichen Weichtiers an einer Pflanze. Er schlägt mir gegen das Kinn und ich versuche mich im Laufen von ihm zu befreien, aber er klebt weiter an mir und fällt schließlich auf T-Shirt und Hose, beschmutzt mich, ich werde ihn nicht los. Voller Ekel und noch mehr Zorn renne ich weiter. Ekele mich vor mir. Sehe mich von mir selbst mal wieder verdreckt, beschmutzt, eingesaut, verklebt, lächerlich gemacht.
Wer rennt da durch sein Leben, rotgesichtig, schweißklebrig, spuckeverdreckt, wütend, kraftlos?
Wer spuckt sich auf die eigenen Klamotten? Lächerlich. Ich.
Ich gebe auf und gehe ein Weilchen. Nicht geschafft. Aufgegeben. Nach wenigen Minuten. Wie immer.

Es wird dunkel im Wald am Jacobi-Weiher.
Zornig auf mich nehme ich den Lauf wieder auf. Und sei es aus Geiz.
1,70 Euro für die Hinfahrt zum Weiher, 1,70 Euro für die Rückfahrt. Dafür muss wenigstens gelaufen werden, verflucht noch mal.

Da hinten der Biergarten des Wirtshauses Oberschweinsstiege. Lämpchen und Leute. Leute, die heute Abend Gesellschaft haben. Ich renne keuchend daran vorbei und keiner sieht mich.

Es dunkelt nun auch am Weiher. Ich renne allein. Auf einer Bank ein Grobschlächtiger, Mittelalter, Bürstenhaariger mit Fahrrad und Bierflasche die ich nicht sehe, aber ahne.
Hallo Sie, möchten Sie mir nicht etwas antun?

Ich laufe weiter. Ich weiß, dass ich gleich wieder pausieren muss, die Kraft ist schon wieder zu Ende. Mir tut alles weh. Laufen tut weh und entreißt einem die Atemluft.
Vielleicht ist das Laufen nicht der richtige Sport für mich.
So wie Tennis nicht für jeden das Richtige ist. Oder Schwimmen. Oder Boxen. Oder Gymnastik. Oder Leben.

Ich schaue in den Wald.
Niemand da? Ist da niemand, der mir etwas antun möchte? Aber bitte nichts Gutes.
Muss ich alles selber machen? Reicht es nicht, dass ich selber laufen muss? Möchte mich niemand mit ein paar Griffen mitten aus diesem Lauf von den Füßen reißen?
Es wird doch immer dunkler und ich laufe allein. Ist denn niemand da? Wo sind Sie, meine Herren? Angeblich lauern Sie doch überall, angeblich ist doch keine Frau vor Ihnen sicher? Warum werde ich mein Leben lang mit Sicherheit gestraft?
Ist denn niemand da, der meinen Lauf stoppen möchte?

Schweiß. Schleim im Hals. Ich kann nicht mehr. Ich hasse es. Es macht keinen Spaß. Ich kann das nicht. Ich mache es falsch. Ich will nicht mehr. Ich laufe doch sowieso nur, weil alle meinen, das sei so gesund und man müsse das tun. Aber die, die das behaupten, wissen ja auch wie es geht.

Hallo Sie Herr Prolet da auf der Bank? Hallo? Möchten Sie mir nicht vielleicht doch etwas antun, bitte? Wie lange soll ich denn noch um den Weiher rennen? Es ist doch dunkel und keiner würde Sie sehen. Ich auch nicht, ich würde solange wegschauen.
Ist denn niemand in der Nähe dieses verdammten Entenweihers, der meinen mühseligen, vergeblichen Lauf stoppen oder mir wenigstens Grund geben möchte, ihn zu beenden?
Jeder lässt mich laufen, teilnahmslos, unbekümmert und da renne ich in meinem ekligen Schweiß.
Sie haben Recht damit, mir nichts zu tun, mein Herr.

Zu Hause. Verschwitzt, rot, salzig, verschleimt, verschwindelt, kraftlos von diesem Lauf und immer noch lebendig. Vergeblich.

TitelAutorDatumBesucher
SchafsmanieAdrienne17/08/2004 - 23:004502
Geschichten aus der Ästhetischen Chirurgie - Teil 3Adrienne17/08/2004 - 17:574909
Was mir auffälltAdrienne17/08/2004 - 10:404493
Von großartiger Hilfe und TarnkappenwürmernAdrienne16/08/2004 - 18:084520
Übel. Fatal. Entsetzlich!Adrienne15/08/2004 - 13:444649
Ein Wurm! Ein Wurm! Ein Wurm! Ein Wurm! Ein Wurm!Adrienne14/08/2004 - 14:134899
Zu meinem ErstaunenAdrienne11/08/2004 - 22:244213
GenervtAdrienne03/08/2004 - 23:004624
Liebes Brüderchen, lieber LehrerAdrienne31/07/2004 - 23:004895
Urlaub in Marburg und Frankfurts Neid Adrienne31/07/2004 - 23:004452
GeschenktAdrienne29/07/2004 - 23:004490
Andere Krankenkassen zahlen nicht, was sie sollen. Meine zahlt, was sie nicht soll. <b>+Nachtrag: Dr. Schnösels unmoralisches AnAdrienne29/07/2004 - 14:394711
... und jetzt geht mir gerade erst auf... Adrienne28/07/2004 - 23:004245
Schritte kündeten den KönigAdrienne27/07/2004 - 15:474575
ErsatzAdrienne25/07/2004 - 23:004177
Eintrag ?73477Adrienne24/07/2004 - 17:054795
DenkversucheAdrienne23/07/2004 - 14:284389
VertuschungenAdrienne21/07/2004 - 10:034332
BeobachtungenAdrienne21/07/2004 - 00:334722
Urlaub im Hotel 'Rot Kreuz'Adrienne20/07/2004 - 10:404437
Ein natürlicher ProzessAdrienne18/07/2004 - 12:434255
WegschlafenAdrienne16/07/2004 - 18:555154
Wie es istAdrienne16/07/2004 - 08:184519
AlleslosAdrienne12/07/2004 - 21:544660
Was geht und was bleibtAdrienne07/07/2004 - 14:502736
onlinetagebuch.com - WIE DAS LEBEN SO SCHREIBT ...