Liebes Brüderchen, lieber Lehrer

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Ich muss ganz schön besoffen sein. So emotionszärtliche Gefühle würde ich in nüchternem Zustand niemals hegen, für niemanden. Liebes, kleines Brüderchen B.! Ich stand mit meinem gesamten Reisegepäck hinten an der Wand und hatte eine Mischung aus Wut- und Verzweiflungstränen in den Augen, vornehmlich ausgelöst durch eine Geschichte in Irvin Yaloms Buch "Die Reise mit Paula". Wer einmal das Kapitel "Trauer-Therapie" in diesem Buch liest und versteht, warum ich auf die Patientin in der Geschichte so unsagbar wütend bin, dass ich am liebsten zwischen die Seiten spränge, um sie zu verprügeln, der kennt mich wirklich.

Ich stand dort und Brüderchen B. stand aus seiner Bank auf, um vorzeitig die Messe zu verlassen, vielleicht musste er mal aufs Klo oder langweilte sich. Er legte sein Geangbuch zurück, sah mich und zwinkerte mir neckisch mit einem Auge zu. Dieses Augenzwingern hat mir den ganzen Abend gerettet. Später stand ich mit dem Lehrer, DW (die, wie ich heute Abend bereits schrieb, aus bekannten Gründen zur Zeit der größte Stachel in meiner Seele ist) und dem illegalen polnischen Wurm im Klosterhof und becherte Weiswein und musste, so kam noch ein Stachel hinzu, merken, dass der frankophile junge Jurist auch ein DW- und kein Moira-Fan ist und dass er an unseren Tisch kam, um mit ihr zu reden, nicht mit mir. Aber Brüderchen B. kam meinetwegen zu uns, das habe ich gespürt oder spüren wollen und war von Zuneigung überschwemmt. Liebes, kleines Brüderchen B.! Wie wenig prätentiös er ist. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich mal zur absoluten Einfachheit hingezogen fühlen würde. Niemand den ich kenne ist so wenig daran interessiert, etwas zu gelten, weder persönlich noch im Internet kenne ich jemanden, der so wenig Geltungswillen hat wie er, der so wenig darstellen will wie er. Und das mit so viel Charme. Ich sage ja, ich muss ganz schön blau sein, dass mich dieser kecke kleine ältliche Mönch so rührt, aber sein Witz, sein Charme und seine durch und durch mädchenhafte Koketterie haben mich heute Abend sämtliche bösartigen, neidischen und wuterfüllten Gedanken vergessen und die Zornestränen verdrängen lassen, ich habe ihn genossen, den lieben kleinen Bruder B.

Und den Lehrer. Den guten, biederen, frommen Lehrer, der Hauptschülern in einer Frankfurter Vorstadt die Musik näher bringen möchte und dessen Ziel es in jedem Urlaub ist, in möglichst vielen Kirchen die Orgel spielen zu dürfen, der Orgeln sammelt wie andere Leute Badestrände in aller Welt. Dem ich erzählen kann, wie meine Mutter über ihr "Elend" jammert und wie sie auf ihren greisen Mann voller Ekel herabblickt und der dazu nur den Kopf schüttelt, kurz innehält und dann zitiert, was die Bibel zum Stand der Ehe sagt. Nicht, dass ich sonderliches Interesse an der Bibel und deren Meinung hätte, aber manchmal ist es so erfrischend und so entspannend, alles mit einer solchen Einfachheit im Sinne Jesu zu beantworten. Ohne zermürbende Diskussion, ohne Gedankenverrenkung, ohne Streben nach etwas, das man sowieso nie erhalten wird. So einfach. Heute habe ich das liebe Brüderchen B. und den guten, biederen Lehrer für ihre Schlichtheit geliebt.

Vielleicht ist es nicht schlimm, dass Pater C. gegangen ist. Vielleicht ist es nicht schlimm, dass ich bei ihm den Kürzeren gezogen habe. Vielleicht wird mich Brüderchen B. ja gern haben und damit hätte ich viel gewonnen. Wie eitel ich doch bin, dass ich so zwanghaft von jemandem gern gehabt werden möchte. Aber wenn schon, warum dann nicht von ihm?

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