Urlaub im Hotel 'Rot Kreuz'

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Es war richtig nett und hat beinahe Spaß gemacht.
Am besten war das riesige Zimmer für mich allein (im Sommer ist wenig Betrieb) mit dem großen, runden Balkon. An Sommerabenden auf dem Balkon zu sitzen ist für mich das Urlaubsgefühl schlechthin, wann komme ich denn schon mal in den Genuß? Am liebsten hätte ich gefragt, ob man das Zimmer als Zweitwohnung mieten könne, jedenfalls in den Sommermonaten. Es hat mir richtig leid getan, gegen 9.30 Uhr heute Morgen wieder ausziehen zu müssen.
Na ja, eine Privatklinik wäre natürlich komfortabler gewesen, dort hätte man mich bestimmt direkt nach dem Eingriff mit Kaffee, Obst, Joghurt und Müsliriegeln umgarnt, in diesem Krankenhaus vom Roten Kreuz aber musste ich warten, bis um 17 Uhr das Abendessen auf der Station ausgeteilt wurde - und das von 13 Uhr an und das seit Mitternacht hungernd und dann zwei Scheiben Graubrot, eine Essiggurke und vier Scheiben Käse.
Aber, das fiel mir ab und zu immer mal wieder ein, es war ja ein öffentliches Krankenhaus und nicht das Arabella Sheraton, also freute ich mich an meinem Balkon und hielt die Klappe.

Der Eingriff war doch eher eine OP und wäre ich nicht vor Angst schon halb besinnungslos gewesen, hätte ich das alles sehr spannend gefunden. Im Nachhinein war es das auch, es hat, wie gesagt, rückblickend richtig Spaß gemacht. Im Bett runtergefahren werden, in den OP-Vorraum, dort ganz automatisch mittels einer beeindruckenden Konstruktion vom Bett erst auf eine gewärmte Metallplatte und von dort, genauso automatisch, auf die OP-Liege (dass ich durchaus selbst die Liegestätte hätte wechseln können, spielte keine Rolle, im OP sind alle gleich, egal ob schon fast tot oder quietschlebendig, egal ob schwerstkrank oder eitel), dann in die OP-Schleuse, Anästhesie-Schwester, Pfleger, dann der Anästhesist, Kabel und Elektroden, dann mein Dr. Schnösel mit Zeichenstift und schließlich Einfahrt ins Allerheiligste, wo ein für so einen kleinen Eingriff großer Haufen Personal bereitstand, es waren mindestens fünf.
Im Glauben, noch hellwach zu sein entließen meine Augen plötzlich einige Tränen, eben weil ich mich noch so wach fühlte und mein Dr. Schnösel schon fast mit dem Besteck klapperte, den Anästhesisten aufforderte, mir noch mehr zu spritzen und dieser das verweigerte mit der Begründung "Das ist meine Narkose!" Und dann noch mal, etwas später: "Ich bin der Anästhesist, nicht Du!"
Wenn zwei Ärzte sich streiten, weint die Patientin und mehr weiß ich nicht mehr, danach hat er wohl richtig auf die Tube gedrückt, wahrscheinlich um's mir und dem Schnösel mal so richtig zu zeigen.
Ein bisschen Musik und ab und zu ein Befehl zum Drehen oder Anheben eines Beines, alles andere muss irgendwo im Infusionsschlauch mit dem Betäubungsmittel hängen geblieben sein.
Als nächstes kommt in meiner Erinnerung eine geradezu viechische Dankbarkeit im Moment des Aufwachens; ein Glück nur, dass ich Dr. Schnösel nicht noch umarmt und geküsst habe dafür, sein Versprechen gehalten zu haben.
("Meine Patienten bekommen nichts von dem Eingriff mit. Über die Methoden anderer... äh, "Kollegen" möchte ich nichts sagen.")
Dann durch die bewundernswerte Apparatur zurück von der Liege über die Wärmeplatte in mein Bett und auf die Aufwachstation, obwohl ich hellwach war (genauso schnell wie ich vorher dann plötzlich weg gewesen war) und dann in mein schönes sonniges Balkonzimmer zu meinem Kirchhoff-Roman.

Die Nacht in der Klinik war vollkommen unnötig (es ist noch nicht mal Flüssigkeit ausgelaufen, was die Nachtschwester in helles Erstaunen versetzte), aber letztendlich auch nett (endlich mal im Bett frühstücken), gegen 9 Uhr gab's Besuch von Dr. Schnösel und dann war ich auch schon draußen.

Feststellung: Sitzen ist zur Zeit die ungünstigste Position, knapp gefolgt vom Laufen.
Balkon und elektrisch steuerbares Bett vermissend werde ich mich jetzt auf mein starres Bett legen oder mich möglichst unbeweglich in eine Ecke stellen. ;)

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