Wenigstens hat sich das Brüllen gelohnt

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Heute habe ich hier wenigstens nicht umsonst rumgebrüllt.
Nun gut, ob ich wirklich hätte schreien müssen sei dahingestellt, daran wollte ich ja noch ein bisschen feilen.
Andererseits habe ich das Gefühl, dass es sogar nötig ist, dass ich brülle. Im Ernst. Ganz blöd gesagt: Jede Familie funktioniert ja mit und durch bestimmte Verhaltensmuster und fielen die eines Tages einfach weg, würde vielleicht gar nichts mehr funktionieren und das ganze "Familiensystem" würde irgendeine Art von Schaden nehmen, zusammenbrechen oder zumindest stillstehen. Aber ich will weder mein Kreischen rechtfertigen, noch blöde herumspekulieren, obwohl der Gedanke interessant ist.

Durch meinen Wutanfall habe ich erreicht, dass
a) mein Vater zugegeben hat, dass er sehr wohl einige Tage ohne meine Mutter auskäme
b) meine Mutter kapiert hat, dass sie sich eine Auszeit von ihm nehmen darf
c) sie und ich im August nach Torre del Lago zum Puccini-Festival fahren

Ich fasse es kaum. Ich kann nicht verstehen, dass die beiden mich dazu brauchen, um Klartext miteinander zu reden. Ich finde das unfassbar, obwohl ich es kenne seitdem ich denken kann. Die beiden sind seit 30 Jahren meine Eltern - warum wundere ich mich immer noch und warum rege ich mich noch immer auf?

Die Vorgeschichte war, dass meine Mutter im Februar eine Nasen-Operation hatte und für drei Tage in die Klinik musste - dummerweise zu einer Zeit, als es meinem Vater wirklich sehr schlecht ging, da er unter den Nebenwirkungen eines Medikamentes litt.
Sie kam aus der Klinik wieder und (angeblich) sagte mein Vater zu ihr, ohne sie auch nur zu begrüßen und ohne zu fragen wie es ihr denn gehe: "Ohne Dich komme ich hier keinen Tag lang zurecht!"
PENG
Meine Mutter war bitter beleidigt und bitter entsetzt. Gemäß ihrer Natur machte sie sich schwere Vorwürfe und resignierte sofort und meinte sich damit abfinden zu müssen, nun nie wieder auch nur für einen Tag verreisen zu können.

Ich habe ihr 1000 + 1 mal gesagt, dass es ihm doch inzwischen wieder gut geht und dass er jetzt, in seinem momentanen sehr guten Zustand, bestimmt nichts dagegen habe, wenn sie mal wegführe - sie solle doch einfach mal mit ihm reden.
Ach, ja, ja, ach, ja, ja...

Am Telefon habe ich meinen Vater 1000 + 1 mal gefragt, ob es ihm etwas ausmachen würde, wenn er mal ein paar Tage alleine wäre.
Nein, nein, nein, natürlich nicht!
Dann solle er ihr das doch mal sagen.
Ach, ja, ja, ach, ja, ja...

Ich sage zu meiner Mutter:
"Papa sagt, es würde ihm nichts ausmachen, wenn Du mal wegführest!"
Sie glaubt mir das nicht und meint: "Ach, das sagt er Dir. Mit mir redet er ganz anders."
Ich frage, ob sie ihn denn je direkt gefragt habe?
Nö, das nicht. Aber das "höre sie so raus".
Aha.

Ich sage zu meinem Vater:
"Mama möchte gerne mal wegfahren, wäre Dir das recht?"
Ja, aber sicher. Gegenteiliges hätte er nie gesagt.

Heute dann vollzog ich die Zusammenführung am Kaffeetisch.
Es ging um Reisen.
Meine Mutter äußert leidend-süffisant: "Tja, ich kann ja nicht mehr verreisen..."
Ich schreie "DOCH!"
Sie windet sich.
Ich schreie "Papa?! Die Mama kann doch mal verreisen?!"
Er: "Natürlich!"
Ich schreie: "Na siehst Du!" und dann, zu meinem Vater hin: "Mama sagt, Du hättest gesagt, Du könnest nicht allein bleiben!"
Meine Mutter windet sich noch mehr vor Unbehagen.

Ja, da muss man doch brüllen.
Da hocken diese beiden Menschen nebeneinander und reden nicht miteinander. Da nimmt meine Mutter an, sie "dürfe" nicht, beklagt und bejammert ihr Schicksal, kriegt aber ihrem Mann gegenüber das Maul nicht auf. Und der kommt natürlich nicht von selbst auf die Idee zu sagen "Gönn Dir doch mal eine Reise!" - denn natürlich ist es für ihn bequemer, wenn sie da ist und ihm noch den Arsch hinterherträgt (Verzeihung).
Da muss also erst ich kommen, damit die ihre innereheliche Kommunikation geregelt kriegen.

Ah, und plötzlich geht es. Meine Mutter hält meinem Vater in ihrem unnachahmlichen leidend-beleidigtem Anklageton vor, er hätte doch damals als sie aus der Klinik kam gesagt, er käme keinen Tag ohne sie zurecht. "Das hat sich mir SO eingebrannt, das glaubst Du gar nicht. Das hat sich mir SO eingebrannt dass ich dachte, ich könne Dich NIE wieder allein lassen..." und mein Vater kontert in seinem unnachahmlichen erstaunt-selbstgefälligem Ton "Ich? ICH habe das gesagt? Das weiß ich ja gar nicht mehr..." - und ich hole noch mal Luft und brülle noch lauter.
...
Was soll's.
Maestro Giacomo, wir kommen!

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