Die Abschiedsparty

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Wir hatten im Jugendchor geplant, vor den Sommerferien eine kleine Abschlußfeier zu veranstalten, denn während der Ferien fanden keine Chorproben statt. Gudula hatte vorgeschlagen, daß wir noch einmal bei uns zu Hause im Garten grillen könnten – diesmal aber auf einem echten Grill. So trudelte also nachmittags beziehungsweise am frühen Abend ein Chormitglied nach dem anderen in unserem Garten ein. Dani freute sich besonders darüber, denn am nächsten Tag würde sie bereits nach Spanien fliegen, und so war diese kleine Party für sie wie eine Abschiedsfeier, wo sie allen noch einmal auf Wiedersehen sagen konnte.
Ich für meinen Teil freute mich einfach nur darüber, Gerry zu sehen, und fand es besonders aufregend, dieses spannende Geheimnis der letzten Nacht mit ihm zu teilen. Wir saßen fast ständig nebeneinander, berührten uns wie zufällig und tauschten wissende Blicke miteinander. Wie gesagt, ich fand es ziemlich aufregend.
Dani spielte wieder einmal den ganzen Abend über ihr Spielchen mit den Männern, vor allem mit Marco, der ja angeblich schon seit einem halben Jahr in sie verliebt war. Sie neckten sich gegenseitig, er klaute ihr das Flugticket und sagte, sie müsse wohl leider hierbleiben. Das ging die ganze Zeit so weiter. Ich fand es albern.
Insgesamt war es aber ein sehr schöner Abend; das Grillen, die ganzen Leute, mit denen ich mich gut unterhalten habe, alles war sehr nett.
Abends, als alle verschwunden waren, räumten Gerry, Dani, Marco, Sebastian und ich alles auf und beschlossen, daß wir nun alle zu Gerry gehen würden. Es hatte nämlich noch niemand von uns Lust, nach Hause zu gehen. Außerdem hatte Dani die Idee gehabt, daß wir beide und Gerry zusammen die Nacht durchmachen sollten, damit sie noch so viel Zeit wie möglich mit uns verbringen konnte, bevor sie flog. Nur wenig später saßen wir alle in Gerrys Wohnzimmer und sahen fern. Ich glaube, es war irgendein Film mit Jackie Chan, vielleicht „Rush Hour“. Ich freute mich sehr, als Gerry sich neben mich auf das Zweiersofa setzte, während die drei anderen sich auf die restlichen Sofas verteilten. Da mir etwas kalt war, gab mir Gerry seine mir bereits gut bekannte Wolldecke. Den ganzen Film über, während alle anderen wie gebannt auf den Bildschirm sahen, hielten wir unter der Decke Händchen, oder er wärmte meine immerkalten Füße mit seinen immerwarmen Händen. Ab und zu blickte ich zu Dani, die rechts von mir über Eck saß, und fragte mich, was sie wohl denken oder tun würde, wenn sie das wüßte. Wahrscheinlich würde sie wieder schmollen, den ganzen restlichen Abend schlecht gelaunt sein und nicht mehr reden, und zwar solange, bis irgend jemand – am besten Gerry – ihr wieder seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. So schrieben es ihre Spielregeln eben vor.
Im Laufe des Abends pilgerten wir mehrmals vom Wohnzimmer zur Küche und wieder zurück, da man nur in der Küche rauchen sollte. So kam es schließlich, daß Gerry und ich eine zeitlang allein im Wohnzimmer saßen und die anderen drei in der Küche. Gerry nahm meine Hand und hielt sie fest. Wir wechselten ein paar Worte, doch die meiste Zeit über sahen wir uns nur schweigend in die Augen. Es war ein kurzer, aber wunderschöner Moment. Ich war glücklich. Irgendwann kam Sebastian ins Wohnzimmer, um sich zu verabschieden. Reflexartig wollte ich meine Hand zurückziehen, doch Gerry machte keinerlei Anstalten, meine Hand wieder loszulassen oder irgendwie zu verbergen, daß wir Händchen hielten. Es war ihm also nicht peinlich oder unangenehm, daß Sebastian es sah. Er wollte es gar nicht geheimhalten! Zuerst war ich darüber etwas erstaunt, doch dann freute ich mich sehr darüber und war noch glücklicher als zuvor. Sebastian und Gerry unterhielten sich kurz miteinander und verabschiedeten sich dann. Nun waren wir wieder allein. Am liebsten hätte ich ewig so dagesessen, nur er und ich in diesem Wohnzimmer, ohne daß irgend etwas uns störte. Es war so perfekt, so schön, so vertraut! Doch dann hörte ich Schritte im Flur. Es war Dani. Was dann geschah, hat mich sehr verletzt. Gerry zog unter dem total fadenscheinigen Vorwand, einen Blick auf seine Armbanduhr werfen zu wollen, seine Hand weg. „Wieviel Uhr haben wir eigentlich?“ fragte er leise. Seine Stimme klang wenig überzeugend und fast beschämt, so als ob sie sagen wollte: „Tut mir leid, ich weiß, daß das ein total schlechtes Schauspiel ist, aber ich will nicht, daß sie sieht, wie wir Händchen halten.“
Ich war völlig perplex. So einfach geht das also! Um Konfrontationen zu vermeiden, tun wir eben einfach mal so, als wäre nie etwas zwischen uns geschehen! Ich konnte nicht glauben, wie leicht er es sich machte, und es verletzte mich zutiefst, daß er mich gegenüber Dani verleugnete. Erst schläft er mit mir, und dann hat er noch nicht einmal den Mut, vor Danis Augen meine Hand zu halten? Das tat mir unglaublich weh, und ich hatte das Gefühl, daß er in Wahrheit immer noch hinter Dani her war. Das mit mir war wohl doch nur ein Spiel gewesen, ein kleiner Zeitvertreib. In Wirklichkeit wollte er Dani, und nicht mich.
Dieser Gedanke machte mich für den restlichen Abend fertig. Dennoch brachte ich es noch fertig, für Dani eine kleine Überraschung vorzubereiten. Zu Hause hatte ich einen kleinen Pappkarton golden eingebunden, sodaß er so ähnlich aussah wie die Survival-Packs von der Bundeswehr. Darin hatte ich alles mögliche untergebracht, was sie ein wenig an die Heimat erinnern und ihr den langen Aufenthalt in Spanien erleichtern sollte: Eine Tüte Milch und ein Päckchen Kakao, den sie so gerne trank, ein paar Schachteln Gauloises, einige getrocknete deutsche Blümchen und all so was. Schließlich wollte ich noch Fotos ihrer besten Freunde dazulegen. Deshalb kramte ich ein altes Bild heraus, auf dem Dani und ich zusammen mit ein paar Klassenkameraden zu sehen waren. Auch Gerry und Marco hatte ich gebeten, Fotos von sich beizusteuern, aber Gerry sagte, daß Dani ja bereits ein Foto von ihm habe.
„Ach ja. Richtig“, grummelte ich.
Marco hatte mir bereits ein Bild gegeben, das ich sofort in der Kiste verstaut hatte. Jetzt bat er mich plötzlich, es noch einmal herauszuholen. Er nahm es, kritzelte ein paar Zeilen auf die Rückseite und gab es mir zurück. Ich legte es wieder in den Karton, doch als er etwas später außer Sichtweite war, packte ich es wieder aus und las, was er geschrieben hatte. Es war nichts Besonderes, nur irgend etwas über Gerry, der ja mal sein bester Freund gewesen sei, sich aber nun wegen Dani zu seinem Konkurrenten entwickelt habe. Denn er habe ja die ganze Zeit über gewußt, daß Marco in Dani verknallt war, und als bester Freund flirtet man doch nicht mit der Flamme des anderen herum. Bla bla. Dann stand da noch irgend eine Entschuldigung, daß er deswegen eben nicht so gut drauf und auch nicht gut auf Gerry zu sprechen war, und abschließend noch ein „I.L.D.“.
‚Soso’, dachte ich, und legte das Bild wieder zurück. Ich war ein wenig enttäuscht, denn ich hatte ich mir Spannenderes erhofft.

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