Ach, wie romantisch! >:-(

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Wie jeden Donnerstag fand auch heute der Jugendchor statt. Heute war Nadja allerdings nicht dabei. Bevor der Chor begonnen hatte, hatte ich sie kurz gesehen. Ihr Gesicht war rot und aufgequollen gewesen, so als hätte sie gerade geweint. Zu Beginn der Chorprobe fragte Svenja, unsere Chorleiterin, wo Nadja denn bleibe, denn sie habe sie doch eben noch gesehen. Gudula sagte ihr, daß Nadja heute einen schweren Tag gehabt habe und deshalb nach Hause gefahren sei. Natürlich war ich neugierig, was mit der Schlampe los war, doch im Grunde kümmerte es mich nicht wirklich. Ich war einfach nur froh, daß ich ihren schiefen Singsang nicht ertragen mußte. Um 21.00 Uhr war die normale Probe zu ende, und die meisten Leute gingen nach Hause. Doch ein paar von uns probten seit einiger Zeit danach noch weiter. Außer mir waren das noch Kristina, eine echte Schreckschraube, Gudula, Thorsten, Sebastian, Marco und normalerweise auch Nadja, die eigentlich keinen einzigen Ton gerade singen konnte. Wir übten ein paar Stücke ein, die wir in einer besonderen Messe vortragen wollten, unter anderem auch „Mr. Sandman“ und „America“ aus der „West Side Story“.
Meistens erklärte sich irgend jemand bereit, in der Zwischenzeit etwas zu essen zu holen, damit wir uns nachher damit gemütlich zusammensetzen konnten. Heute war das Gerry. Er sagte, das sei kein Problem und er würde das gerne tun. Dani war auch noch nicht nach Hause gegangen, und so setzten die beiden sich draußen auf dem Hof vor die Garage und unterhielten sich.
Immer wieder blickte ich beobachtend nach draußen, um zu sehen, was sie taten. Gerade, als ich dachte, daß Gerry sich nun langsam auf den Weg machen müßte, um das Essen zu holen, standen die beiden auf und gingen in Richtung Auto.
‚Na klar, sie fährt natürlich mit!’ dachte ich mit einem wütenden Grummeln im Bauch.
Wir sangen weiter und weiter, doch die beiden kamen nicht wieder. Als wir alles geübt hatten und fertig waren, setzten wir uns wie immer in einem kleinen Kreis hin und quatschten ein bißchen. Wir alle fragten uns, wo Gerry sein könnte, denn er wollte uns doch etwas zu essen mitbringen. Irgendwann hatten wir alle keine Lust mehr zu warten und gingen nach Hause.
Jetzt war ich noch wütender! Er war also mit ihr zusammen weggefahren! Und wir anderen, vor allem ich, interessierten ihn mal wieder überhaupt nicht! Er interessierte sich nur für sie, und anscheinend war er gerade überglücklich mit ihr, denn sonst hätte er doch nicht vergessen, daß er uns etwas versprochen hatte!
Bevor ich nach Hause ging, fragte ich noch Gudula, was mit Nadja los gewesen sei. Sie erzählte mir, daß Gerry einen Tag zuvor mit ihr Schluß gemacht hatte und sie deshalb ziemlich fertig war. Ich machte keinen Hehl daraus, daß ich mich darüber außerordentlich freute. Ich war sowohl froh für ihn als auch schadenfroh für sie. Er hatte es also endlich geschafft, sich aus den Klauen dieses Monsters zu befreien!
„Dani hat ihm den Kopf verdreht!“ sagte Gudula schließlich.
Ich erstarrte. Das war es natürlich nicht gewesen, was ich hatte hören wollen.
„Woher weißt du das denn so genau?“ wollte ich wissen.
„Ach, der ist in letzter Zeit immer total gut drauf, der schwebt doch auf Wolke sieben!“
Ich konnte es nicht glauben. Es war nur ihretwegen! Was hatte diese Frau denn bloß an sich, daß alle Männer so auf sie fliegen? Und jetzt war da auch noch einer, der extra wegen ihr mit seiner Freundin Schluß machte! Ich wünschte mir dringend irgend etwas herbei, das ich jetzt mit der ganzen Kraft meiner unglaublich großen Wut und Eifersucht demolieren könnte!
Abends telefonierte ich mit Dani. Ich fragte sie ganz unschuldig, wo Gerry und sie denn nach dem Chor gewesen seien. Wir alle hätten uns gefragt, wo er geblieben war, da er etwas zu essen hatte mitbringen wollen.
„Gerry hat mich gefragt, ob wir noch zusammen wegfahren könnten“, erzählte Dani. „Ich hab ja gesagt, und wir sind mit seinem Auto zu einem Feld gefahren. Da haben wir uns zusammen mit einer Decke auf die Wiese gesetzt und den Sonnenuntergang angesehen.“ Sie machte eine Pause. Ich schwieg verbittert.
„Der Sonnenuntergang war wunderschön“ sagte sie. „Vielleicht der schönste, den ich je gesehen habe...“
Mein Herz fing an zu rasen, ich spürte, wie sich das Adrenalin in mir ausbreitete und mein Magen sich mit Säure füllte. ‚Ich töte dich, du Miststück!’ dachte ich. ‚Ich töte dich! Ich werde dich umbringen, du Schlampe!’
Sie sprach weiter: „Irgendwann ist mir etwas kalt geworden. Da hat Gerry mich mit der Decke gewärmt und mich ganz fest an sich gedrückt. Irgendwie habe ich mich dabei zwar sehr wohl gefühlt, aber trotzdem weiß ich ganz sicher, daß ich ihn nicht liebe.“
‚Immerhin!’ dachte ich. Diese Aussage erleichterte mich ein kleines bißchen. Aber das änderte immer noch nichts an der Tatsache, daß er ganz offensichtlich total in sie verknallt war und sie es aufs höchste genoß, von ihm angebetet und vergöttert zu werden.
Dani setzte ihre Erzählung fort: „Als wir beide nach langer Zeit aufgestanden und wieder zum Auto gegangen sind, hat Gerry mich ganz fest umarmt. Weißt du, nach ein paar Gesprächen mit ihm habe ich so den Eindruck, daß wir beide vieles gemeinsam haben. Wir lieben es zum Beispiel beide, einfach irgendwo herumzusitzen, die Vögel zu beobachten oder einen Sonnenuntergang anzusehen und so weiter...“
‚Kunststück!’ dachte ich bei mir. ‚Wer liebt so was denn nicht? Jeder Vollidiot liebt Sonnenuntergänge!’
Nachdem Gerry zurückgefahren war, hatten die beiden noch kurz vor Danis Haus am Auto gestanden, und er hatte ihr ein Abschiedsküßchen gegeben.
„Aber halt nur ein ganz normales!“ betonte Dani schnell.
‚Du kannst von Glück reden, daß es nur ein ganz normales war, du Miststück! Sonst müßte ich mir jetzt überlegen, wie ich deinen Tod NOCH qualvoller gestalten kann!’ Am liebsten hätte ich es laut ausgesprochen, doch stattdessen ballte ich nur die Faust und schluckte meinen Zorn herunter.
Ich beschloß, ihr die Neuigkeiten zu erzählen, die ich heute von Gudula erfahren hatte.
„Gerry hat gestern mit Nadja Schluß gemacht. Nach drei Jahren!“ sagte ich.
„Was?! Das wußte ich noch gar nicht!“ Das schien sie nun doch nachdenklich zu machen.
„Gudula meinte, er hat es deinetwegen gemacht. Sie hat gesagt, du hättest ihm den Kopf verdreht, und das könnte man ihm ansehen, weil er auf einmal ständig fröhlich ist.“
Sie sagte, daß sie nun sehr verwirrt sei, denn sie habe nicht gedacht, daß er SOLCHE Gefühle für sie hegte. Außerdem wisse sie ja seit einiger Zeit, daß Marco auch was von ihr wollte, und nun wisse sie gar nicht mehr, was sie tun solle.
Am liebsten hätte ich ihr geraten, sich lieber mehr auf Marco zu konzentrieren... Doch das wäre nun doch etwas verräterisch gewesen. Also sagte ich einfach gar nichts dazu.

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