Das Nachtreffen

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Langsam brach der letzte Tag an. Dani wollte gerne duschen gehen, doch da sich der Raum mit den Duschen nicht abschließen ließ, pißte sie sich ins Hemd vor lauter Angst, daß jemand mittendrin reinplatzen könnte. Gerry, der sicher total erfreut war, ihr einen Gefallen tun zu können, bot ihr sofort den Schlüssel an, mit dem sie alle Türen des ganzen Hauses verschließen konnte. Nachdem sie weg war, stand ich auch langsam auf.
Am Vormittag schickten wir die Kinder auf den Sportplatz, wo sie spielen konnten, was immer sie wollten, während wir die Zelte abbauten und alles aufräumten. Die letzte Stunde oder so hatten Dani und ich nicht mehr viel zu tun, und so setzten wir uns in Gerrys geöffneten Kofferraum, ließen die Beine baumeln und hörten dabei Musik. Später legte sich Dani mit ihrer Iso-Matte vor das Auto und sonnte sich, während ich Gerry half, irgendein Teil vom Anhänger zu reparieren. Frag mich nicht, wie es heißt... Naja, eben das Ding, womit man die Kabel zusammensteckt, damit am Anhänger auch die ganzen Lichter funktionieren. Es war irgendwie kaputtgegangen, und nun mußte er die richtigen Kabel in die richtigen Löcher stecken. Er drückte mir einen Stift und einen alten Kalender in die Hand, auf dem ich notieren sollte, welches Kabel wohin gehört. Ich blätterte den Kalender durch. Es stand nichts Interessantes darin, aber die Monatsangaben waren witzig. Auf den Seiten, an denen ein Monat in den nächsten überging, stand immer so etwas wie „Julust“, „Autember“, „Septober“ und so weiter. Der „Julust“ gefiel mir besonders gut. Es klang wie: „You Lust? – Haste Lust?“
Irgendwann hatte das Warten ein Ende. Dani und ich mußten mit den Kindern im Bus nach Hause fahren. Als wir am Pfarrheim angekommen waren, mußte wir die ganzen Tische und Bänke ausladen und in die Garage schleppen. Danach teilten wir noch die Lebensmittel, die übriggeblieben waren, unter uns auf.
Am Abend wollten wir bei Marco zu Hause eine Art Nachtreffen für die Leiter machen. Ich war allerdings nicht sicher, ob von meinen Eltern jemand dasein würde, um mich dorthin zu fahren. Daher bot mir Gerry an, daß ich ihn anrufen könne, damit er mich abholt. Ich freute mich sehr darüber, bis zu dem Moment, als er sagte: „Dann können wir Dani ja auch gleich mitnehmen!“
Grrr! Dani, Dani, Dani! Immer nur Dani! Soll die doch selbst sehen, wie sie dahin kommt! Von ihrem Zuhause aus ist es außerdem gar nicht so weit, soll sie doch laufen!
Gerry schrieb mir seine Handynummer auf eine Seite seines Kalenders. Er riß sie heraus und gab sie mir.
„Julust“, schmunzelte ich. Erst viel später erfuhr ich von ihm, daß er diese Seite absichtlich ausgewählt hatte.
Als ich zu Hause war, fragte ich natürlich gar nicht erst, ob meine Eltern Zeit hätten, mich zu fahren. Es war doch ganz selbstverständlich, daß ich Gerry darum bitten würde! Ich nahm also den Hörer ab und wählte seine Nummer. Plötzlich war ich ziemlich aufgeregt. Ich wartete. Es tutete. Doch niemand ging dran. Enttäuscht legte ich wieder auf.
Etwas später versuchte ich es noch einmal. Diesmal nahm er ab. Er sagte, er habe noch unter der Dusche gestanden.
‚Eine nette Vorstellung’, dachte ich, als ich dieses Bild vor Augen hatte.
Wir verabredeten eine Uhrzeit, und ich sagte, daß ich an der Straße auf ihn warten würde. Er wußte ja bereits, wo ich wohnte, da Gudula schon öfter im Sommer kleine Grillparties in unserem Garten veranstaltet hatte.
Pünktlich saß ich am Straßenrand auf dem Stromkasten gegenüber unseres Hauses und wartete auf ihn. Als er kam, freute ich mich, ihn zu sehen, und setzte mich zu ihm ins Auto. Ich zeigte ihm, wo Dani wohnt, und wir warteten einige Minuten auf sie. Sie würde im Kofferraum mitfahren müssen, denn Gerrys Wagen, ein alter gelber Golf von der Post, hatte keine Rückbank. Damals war hinten alles zur Ladefläche umgebaut worden. Nachdem wir einige Zeit auf Dani gewartet hatten, meinte Gerry: „Ach, weißt du was, ich fahr dich schon mal hin und komme dann noch mal zurück. Dann muß sie nicht im Kofferraum sitzen.“
Wie schön er doch lügen konnte! In was für schöne Worte er die Aussage verpacken konnte, daß er unbedingt mit ihr allein fahren wollte! Ich war sehr traurig, und auch, wenn es albern klingt – ich fühlte mich sehr verletzt.
Doch diesmal war das Schicksal auf meiner Seite! Gerade in dem Moment, als er losfahren wollte, kam Dani aus der Haustür heraus.
„Ach nee, da kommt sie jetzt schon“, sagte er.
Ich triumphierte innerlich. Dani setzte sich in den Kofferraum, und wir fuhren los.
Der Abend verlief ganz nett, wir haben gegessen, getrunken und Filme gesehen. Wie ich wieder nach Hause kam, weiß ich gar nicht mehr. Aber das war mir sowieso egal, ich mußte die ganze Zeit über Dani und Gerry nachdenken...

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