Höhere Gerechtigkeit

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Sommeranfang. Nun saßen Gerry und ich alleine da. Wir redeten über alles Mögliche, und ich weiß heute gar nicht mehr, worüber eigentlich. Irgendwann fragte er, ob wir uns nicht auf die Liege setzen sollten, die ebenfalls im Garten stand, da die ja gepolstert und viel bequemer sei. Ich hatte nichts dagegen, doch bevor ich mich setzte, ging ich noch schnell ins Haus und holte eine Flasche von meinem Lieblingswein. Er war ÄUSSERST lieblich – trockene Weine hatte ich noch nie gemocht.
Mit der Weinflasche in der Hand begab ich mich zurück in den Garten und setzte mich neben Gerry auf die Liege. Ich öffnete die Flasche und schenkte mir ein Glas Wein ein. Dann fragte ich Gerry, ob er auch ein Glas davon haben wolle, doch er lehnte ab. Er wollte lediglich einen Schluck aus meinem Glas probieren.
„Woah! Der ist aber süffig!“ meinte er.
„Süffig?!“ schmunzelte ich. Dieses Wort hatte ich vorher noch nie gehört. Er erklärte mir, daß das eine Bezeichnung für liebliche Weine sei, die derart viel Zucker enthalten, daß der Alkohol ohne Umschweife ins Blut gelangt. Ich mußte grinsen. Tja, das war eben mein Geschmack...!
Nachdem ich mein Glas geleert hatte, war ich natürlich nicht gleich betrunken, noch nicht einmal angeheitert. Aber ich war schon etwas gelockerter und fühlte mich sehr wohl, mit Gerry zusammen dort zu sitzen.
Ich muß wohl erwähnt haben, daß mein Nacken schmerzte oder so etwas, denn Gerry sagte, ich solle mich mal umdrehen. Also drehte ich ihm meinen Rücken zu, und er begann, meine Schultern und meinen Nacken zu massieren. Es war sehr schön und entspannend, seine Hände auf meiner Haut zu fühlen. Ich hatte es schon immer geliebt, massiert zu werden, doch ich hatte ja bisher nie jemanden gehabt, der das mal für mich tat.
Gerry zog mir die Kette aus, die ich um den Hals trug, da sie ihn bei seiner „Arbeit“ störte. Eine Ewigkeit lang saß ich nur da, genoß seine Berührungen und hob ab und zu den Blick in Richtung Himmel. Ich machte Gerry darauf aufmerksam, wie schön der Mond aussah. Am Samstag zuvor war Vollmond gewesen, und daher war der Mond auch an diesem Tag noch ziemlich rund.
Nach einiger Zeit streifte Gerry die Träger meines Tops über meine Schultern, damit er meinen Rücken auch weiter unten massieren konnte.
„Darf ich?“ fragte er.
„Ja.“ Ich war von mir selbst überrascht: Normalerweise hätte ich ab diesem Zeitpunkt bereits ein unangenehmes Gefühl im Bauch gehabt, das mir gesagt hätte: ‚Stop! Bis hierhin und nicht weiter!’ Doch bei Gerry war das anders. Aus irgendeinem Grund vertraute ich ihm, obwohl ich ihn immer noch nicht richtig kannte. Ich ließ es einfach geschehen.
Wieder eine Weile später fragte er erneut: „Darf ich?“ Diesmal wollte er meinen BH öffnen.
„Ja.“
Meine inneren Alarmglocken hatten wohl heute einen Aussetzer. Er massierte noch eine zeitlang meinen Rücken, bis er mich irgendwann an sich zog. Ich legte mich nach hinten und kuschelte mich in seine Arme. Wir saßen noch lange so da, bis wir uns nach einer Weile schließlich küßten. Es war so wunderschön, daß ich es nicht fassen konnte. Und auch, wenn es blöd klingt – ich war sehr stolz, daß er sich plötzlich so sehr für mich interessierte. Endlich! Endlich interessierte er sich für MICH!
Kurz vor sechs Uhr morgens sagte er mir, daß er bald gehen würde, da er ja auch noch zur Arbeit fahren müsse. Als wir aufstanden, blieb er versehentlich mit dem Finger an meinem Ohrring hängen, und da dieser nur sehr locker saß, fiel er natürlich sofort heraus und auf den Boden ins Gras. Wir haben ihn stundenlang gesucht, aber ich habe ihn bis heute nie wieder gefunden.
Bevor er ging, küßten wir uns noch einmal und umarmten uns lange. Dann fuhr er.
Ich kletterte auf das Dach unseres kleinen Schuppens und holte die Decken und den Schlafsack herunter, die noch immer dort oben lagen. Ich legte die Sachen im Haus aufs Sofa, damit es für meine Eltern den Anschein hatte, als hätte ich tatsächlich auf dem Dach geschlafen und die Sachen morgens ins Haus gebracht. Dann trank ich einen Kaffee und machte mich fertig, um zur Filiale der „Wochenpost“ zu gehen, wo ich von der Schule aus ein Praktikum machte.
Dort saß ich wie immer die meiste Zeit nur nutzlos herum. Manchmal „durfte“ ich archivieren, das heißt einen Stapel alter „Wochenpost“-Ausgaben aus dem Keller nach oben schleppen, um anschließend bestimmte Artikel auszuschneiden, aufzukleben und zu beschriften. Ansonsten kochte ich Kaffe oder surfte aus Langeweile im Internet. Nur ganz selten durfte ich etwas anspruchsvolle Arbeiten erledigen wie zum Beispiel einen drei Sätze langen Artikel schreiben oder die Apotheken-Notdienst-Tabellen für die nächsten drei Jahre abtippen.
Abends machte ich mich zusammen mit Dani auf dem Weg zu Gerrys Wohnung. Sie teilte sie mir mit, daß sie ihm einen Antwortbrief geschrieben hätte. Da sie von mir wissen wollte, was ich davon hielte, und ob der Brief so in Ordnung sei, zeigte sie ihn mir.

Lieber Gerry!

Die Tränen, die geflossen sind, als ich Deinen Brief wieder und wieder las, sind getrocknet, sodaß ich nun schreiben kann.

- ‚Oh, mein Gott!’ dachte ich. ‚Jetzt versucht sie auch noch, in demselben schmalzigen Stil zu antworten, in dem er seinen Brief verfaßt hat!“

Lang nicht mehr hab ich so nette Worte gehört. Ich hab mich richtig gefreut. Auch die Musik ist wunderschön. Ich hab mich ins Bett gelegt, die CD angemacht und lange zugehört, bis ich eingeschlafen bin.
Wärst Du nicht im Pfingstlager gewesen, wär es lang nicht so schön geworden, wie es war.

- ‚Na, toll!’ dachte ich verbittert. ‚Wenn man nur zusammen mit der dummen Freundin da rumhängt, ist es selbstverständlich nicht so schön, wie wenn man dort auch noch eine tolle Romanze erlebt!’

Ich hab mich in Deiner Nähe sehr wohl gefühlt. Ich war gern mit Dir zusammen. Habe Dir gerne zugehört.
Ich habe noch nie so jemanden wie Dich kennengelernt. Du bist anders als alle anderen. Man kann mit Dir lachen, aber auch weinen. Man kann sich sicher sein, daß Du für einen da bist. Nicht nur, wenn es einem schlecht geht. In jeder Zeit. Ich hab schon nach kurzer Zeit bemerkt: Du bist ein guter Mensch!

- ‚Oh. So was „bemerkt“ man also einfach mal so nebenbei’, dachte ich. ‚Ein guter Mensch? Wie unpassend, in einen solchen Brief eine moralische Bewertung einzubringen...’

Es tut mir leid, daß ich oft so schweigsam bin und nur wenig von mir erzähle. Es kommt nicht selten vor, daß ich von einem auf den anderen Moment nur noch da sitze und durch die Gegend starre. Wenn man mich dann fragt, was mit mir los ist, kann ich meist nicht antworten. Ich weiß selber nicht, woran das liegt. Es kann ja sein, daß sich dies irgendwann mal ändert.
Nächste Woche Freitag reise ich nach Spanien.

- Ja, richtig. Sie wollte die gesamten Sommerferien über, also sechs Wochen, in Málaga verbringen, um dort ihr Spanisch zu perfektionieren.

Einerseits freue ich mich sehr darauf. Endlich kann ich richtig in die Sonne. Andererseits weiß ich, daß die Zeit dort sehr hart für mich werden wird. Ich werde bestimmt sehr einsam sein. Schließlich bin ich dort alleine, ohne meinen Freunden.

- ‚Ohne meinen Freunden?! – Grammatikgenie!’
Obwohl ich mit vielen ihrer Formulierungen als Deutschlehrer nicht gerade einverstanden gewesen wäre, machte ich sie nur auf diesen einen Fehler aufmerksam.
„Ähm... Das müßte heißen ‚ohne meine Freunde’“, sagte ich.
„Was? Wo? – Nee! Das ist doch richtig so, oder?“
Sie murmelte beide Varianten leise zum Vergleich vor sich hin. „Ohne meine Freunde... Ohne meinen Freunden... Ohne meine Freunde... – Hm, also ich hab’ das schon immer so gesagt, aber du weißt das bestimmt besser als ich.“
Naja, wenigstens geistig war ich ihr überlegen, was mich doch sehr tröstete. Ich las weiter:

Gerade deswegen würde ich mich unendlich freuen, wenn Du mir Briefe schreibst. Dann weiß ich, daß man mich nicht vergessen hat.
Deine Hand, die Du mir als Zeichen der Freundschaft ausstreckst, nehme ich gerne an. Ich weiß nicht genau, ob Du in Deinem Brief eine richtige Beziehung meinst. Eine Beziehung kann ich im Moment nicht eingehen. Ich hab einfach zu große Angst und bleibe deswegen lieber allein.

Dani

Ich gab Dani den Brief zurück mit den Worten: „Jo, ist doch ganz okay so. Kannste so abgeben, denk’ ich.“
Und das tat sie dann auch. Ich aber dachte noch den ganzen Abend darüber nach. Im Grunde war es mir scheißegal, ob der Brief gelungen war oder nicht, ob Fehler drin waren oder nicht und ob er peinlich war oder nicht. Er kotzte mich einfach nur an, und genauso kotzte mich diese süße, romantische Briefchen-Beziehung zwischen den beiden an. Natürlich erzählte ich Dani nichts von dem, was in der letzten Nacht geschehen war. Ich ging einfach davon aus, daß dieser Brief der letzte sein würde, der zwischen den beiden ausgetauscht würde, denn schließlich hatte Gerry in der Nacht zuvor deutlich gezeigt, daß Dani wohl doch nicht seine große und wahre Liebe war. Wie hätte er sonst mit mir rummachen können?
Damals begriff ich noch nicht, daß das für Männer nicht unbedingt immer ein Problem darstellt...

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