Schlafend gestellt und Ohren gespitzt

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Gegen Mittag kam der Bus an, voll mit Kindern. Eigentlich haßte ich Kinder, aber die meisten mochten mich seltsamerweise, und so war ich zuversichtlich, daß ich schon mit ihnen fertigwerden würde. Wir haben mit ihnen verschiedene Kennenlernspiele gespielt, und ich muß sagen, sie waren wirklich sehr kreativ...
Abends, als die Kinder schon in ihren Zelten waren, saßen wir noch gemeinsam vor unseren Zelten und haben gequatscht. Doch so nach und nach ging einer nach dem anderen schlafen. Auch ich wurde langsam ziemlich müde und zog mich in meinen Schlafsack zurück, sodaß nur noch Gerry und Dani dasaßen. Dani lag in unserem Zelt und steckte den Kopf zu Gerry nach draußen. Ich glaube, die beiden denken bis heute, daß ich bereits geschlafen hätte. Aber das war nicht der Fall. Im Gegenteil, ich wurde Zeuge ihrer widerlichen Gesprächsthemen.
Sie unterhielten sich lange über alles Mögliche. Nein, eigentlich war es Gerry, der die ganze Zeit redete, während Dani sich wie immer nur ab und zu zu Wort meldete. Gerry erzählte, wie er mit Nadja zusammengekommen war. Jetzt war ich aber neugierig! Meine Ohren wurden ganz spitz, denn das war es ja, was ich schon immer hatte wissen wollen. Wie war er bloß auf den Gedanken beziehungsweise in die mißliche Lage gekommen, mit Nadja zusammenzukommen?!
Er begann zu erzählen. Es war auf dem „WDO“, dem „Wochenende der Orientierung“, das vor etwa drei Jahren von der Kirche veranstaltet worden war. Unser Diakon hatte sich dafür zum hundertsten Mal sein Lieblingsthema ausgesucht: der Heilige Geist. Es waren wieder verschiedene Leute aus der Teestube dabei, unter anderem Marco, Sebastian und Nadja. Eines abends, sie hatten alle bereits etwas getrunken und auch was geraucht, befanden sie sich in dem Spielraum ihrer Herberge. Ein paar Leute spielten Kicker oder irgend etwas anderes, während Nadja irgendwo am Rand herumsaß und sich mit einer Freundin unterhielt. Gerry setzte sich zu ihr, die beiden redeten ein bißchen, und irgendwann kitzelte ihn Nadja kurz. Daraufhin kitzelte er sie ebenfalls, doch da sie wie immer nichts unter ihrem Oberteil trug, berührte er mit seiner Hand ihre nackte Haut. Sie lächelte und gab ein entzücktes „Oooh!“ von sich. Als die beiden später draußen saßen, kam es dann, nachdem sie ihm erst mal am Sack rumgegrabbelt hatte, irgendwie zum Kuß. Einmal kam jemand nach draußen, verschwand dann aber wieder mit den Worten: „Oh, die lecken da rum.“
Tja, so kam es dann, daß Nadja mit auf Gerrys Zimmer ging. Sie legten sich ins Bett und taten Dinge, von denen ich lieber gar nichts wissen will. Ich bin nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, daß Marco und Sebastian, mit denen Gerry das Zimmer teilte, bereits am Schlafen waren. Doch plötzlich wachte Sebastian auf und sagte: „Ey Gerry... Ich hab’ Bock zu diskutieren!“
Er hatte nicht bemerkt, daß Nadja bei Gerry im Bett lag.
„Oh, nein!“ flüsterte sie. Sie wußte wohl schon, daß diese Phase bei Sebastian etwas länger anhalten würde. Ich weiß nicht genau, wie sie das angestellt hatten, aber irgendwann war Sebastian wieder eingeschlafen, und Nadja stand auf und ging in ihr Zimmer.
So, das war also die Geschichte, die ich schon immer hören wollte. Ich überlegte mir, daß Gerry beim Erzählen höchstwahrscheinlich die Hälfte ausgelassen hatte, denn das konnte irgendwie noch nicht alles sein. Später erfuhr ich zum Beispiel, daß er damals mit seiner vorherigen Freundin noch nicht einmal Schluß gemacht hatte. Wie kann man nur so absolut oberdämlich sein, eine andere ausgerechnet mit NADJA zu betrügen? Wo doch nun wirklich JEDE besser ist als Nadja! Während ich so darüber nachdachte und dabei weiter das Zeltdach anstarrte, fragte Gerry Dani plötzlich, ob sie einen Freund habe. Sie antwortete ihm, daß sie bereits seit einem Jahr keinen Freund mehr gehabt habe, da sie immer Angst vor einen Beziehung habe. Und nun sperrte ich wieder meine Lauscher auf:
Gerry fragte: „Kann ich mal einen Test mit dir machen?“
- „Ja.“
„Gib mir mal deinen Arm!“
Sie streckte ihren linken Arm zu ihm aus, und daraufhin war erst mal nichts zu hören. Er streichelte ihn! Er streichelte ihren beschissenen linken Arm! Ich hätte vor Wut und Eifersucht platzen können, doch was sollte ich machen? Ich war ja am „Schlafen“...
„Gefällt es dir?“ fragte Gerry. Er hörte nicht auf, sie zu streicheln.
„Ja.“
Wieder verging eine Weile. Dann fragte er, ob sie schon schlafe oder müde sei oder so etwas. Sie antwortete: „Nein.“
- „Sondern?“
„Ich genieße.“
Ich wollte schreien! Ich hätte ausrasten und laut heulen und wie eine Furie umherrennen können! Das konnte doch nicht wahr sein! Sollte dieser Mensch, der für mich immer noch zu einem der besten Männer der Welt zählte, etwa zum zweitenmal an so einem psychisch nicht ganz intakten, intellektuell minderbemittelten Wesen verlorengehen? Und dann auch noch an ihr! Es war noch gar nicht sehr lange her gewesen, daß ich herausgefunden hatte, daß Axel, in den ich mich unsterblich verliebt hatte, was von Dani wollte! Es war ein Trauma. Ich konnte es nicht fassen! Warum standen immer alle nur auf sie? Na klar, sie sieht ja auch viel besser aus als ich!
Ich war verzweifelt. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte Gerry erzählt, daß diese Frau total dumm und scheiße und seiner nicht wert war! Doch ich riß mich zusammen.
Als Dani dann auch endlich müde wurde und sich ins Zelt zurückzog, bedankte sie sich bei Gerry für seine... Zärtlichkeiten. Er sagte: „Dein Lächeln ist Dank genug!“

AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH!!!!!!!!!!!

Sowas Schnulziges!!! Ab diesem Moment drehte ich komplett durch. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Von Einschlafen war gar nicht die Rede! Wie ein Echo wirbelten Fetzen des Gesprächs, das ich gerade belauscht hatte, durch meinen Kopf.
„Kann ich mal einen Test mit dir machen?“ – „Ich genieße.“ – „Gib mir mal deinen Arm!“ – „Dein Lächeln ist Dank genug!“ ...
Als ich dann endlich in einen unruhigen und nicht gerade erholsamen Schlaf gefallen war, läuteten auch schon, wie jeden Morgen um sechs oder sieben Uhr, die Kirchenglocken.

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