Mittwoch, 24.10.2012 Zweiter Tag

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Mir geht es seelisch im Moment nicht so gut. Ich bin froh, dass ich morgen um diese Zeit wieder zu Hause bin. Den Koffer habe ich bereits soweit wieder gepackt.

Ich sollte dazu sagen, dass ich in Gedanken zur Zeit bei meiner Mutter bin. Ihre Werte haben sich drastisch verschlechtert, so dass sie jetzt von heute auf morgen, oder genauer gesagt morgen früh zum ersten Mal mit der Dialyse beginnt. Sie wurde als "akuter Notfall" dazwischen geschoben, bevor ihre Nieren völlig versagen (wenn das nicht bereits der Fall ist). Sie nimmt jetzt ständig über Nacht locker einen bis zwei Kilo zu, bekommt das Wasser trotz der starken Tabletten nicht mehr aus dem Körper. Die Nervosität und Angst vor dieser neuen Situation merkt man ihr so richtig an. Das lässt mich alles andere als "kalt", ganz im Gegenteil, das beschäftigt mich aktuell im "Hinterkopf" unwahrscheinlich. 

Der heutige Seminartag war für mich sehr hart, wurde zum Schluss hin immer schwerer, seelisch meine ich. Am Ende des Tages müssen wir immer alle sagen, wie wir den Tag empfunden haben. Auch andere haben gesagt, dass es sehr schwer gewesen ist, je nach Übung mächtig "aufwühlend". 

Die erste halbe Stunde fing sehr locker an. Es ging um 9 Uhr los und zum "Aufwärmen" bzw. "wach werden" sollten wir durch den Raum tanzen. Bis auf wenige, die tatsächlich spontan losgetanzt sind, standen alle anderen (auch ich) völlig ruhig am Rand herum. In dem Moment habe ich auf "alles andere" Lust gehabt, aber ganz bestimmt nicht auf Tanzen. Daraufhin ging die Seminarleiterin los, "schnappte" sich jeden einzelnen und drehte mit jedem ein paar Runden durch den Raum. Anschließend im Kreis aufstellen, sie holte wieder den kleinen Gummiball und als "Erinnerung" wurde nochmals das Spiel von gestern wiederholt, sich den Ball gegenseitig zuzuwerfen und dabei den Namen des Anderen zu sagen. Heute habe ich keinen einzigen Ball gefangen, knapp daneben ist auch vorbei, ich musste jedem Ball hinterher laufen. Ein Torwart wird aus mir ganz bestimmt nie werden. Dafür war ich beim Werfen etwas zu "forsch", die anderen konnten meine Bälle kaum oder gar nicht halten, sie hatten viel zu viel schwung (ich habe auf die kurze Distanz wohl "etwas" zu kräftig geworfen).

Bei der ersten Übung saßen wir dann wieder im Kreis zusammen. 2 aus der Gruppe, der Mann und eine Frau, mussten sich auf Stühlen in die Mitte setzen, sich gegenüber. Der Mann spielte den Chef, die Frau die Angestellte/Mitarbeiterin. Die beiden bekamen dann von der Seminarleiterin sinngemäß verschiedene Vorgaben/Situationen, die sie mit eigenen Worten in einem kurzen Stück spielen sollten. Anschließend sollten alle anderen aus der Gruppe sagen, was ihnen dabei aufgefallen ist. Ob die Gesprächsführung zu diesem Thema gut gewesen ist oder wie man ein solches Gespräch mit anderen Worten eventuell besser oder anders führen kann. Also nicht nur aus der Sicht des Chefs heraus, sondern auch von Seiten der Angestellten, wie sie auf ihren Chef zugeht, mit welchen Worten sie die einzelnen Punkte, also die Vorgaben erfüllt bzw. angesprochen hat. 

Das fand ich zum Teil sogar sehr interessant, weil mich manche Situationen, so wie deren Gespräch gelaufen ist, sehr an mich und meinen Chef erinnert haben. Ich konnte mehrmals deutliche "Parallelen" erkennen, zu den Gesprächen, die ich so bereits mit meinem Chef hatte. Dabei habe ich mich dann auch etwas am Gespräch beteiligt, weil es darum ging, dass man Gespräche durchaus auf einen späteren Zeitpunkt "vertagen" kann. So ähnlich war es letztens ja auch bei mir. Ich hatte bei ihm ein Gespräch, in dem ich viele "Vorwürfe" (zu verschiedenen Themen) bekommen habe. Im ersten Moment fehlten mir die Worte, ich hatte zwar tausend Gedanken, musste aber zunächst alles verarbeiten. Zu einem späteren Zeitpunkt bin ich dann nochmals auf ihn zugegangen und habe mit ihm in Ruhe über alle Punkte geredet, also auch alles aus meiner Sicht dargelegt. Die Seminarleiterin sagte vorhin, dass das richtig war, man müsse bei solchen Gesprächen nicht sofort antworten, auf alles eingehen, man kann sich auf jeden Fall auch von sich aus zurückziehen, also das Gespräch beenden (was ich mich allerdings nicht getraut hätte) und es dann halt zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen. Sie fand mein Verhalten auf jeden Fall richtig, dass ich mir dann halt zu allen Punkten Gedanken gemacht habe und ihn später darauf angesprochen habe. 

Die nächste Übung ging um die Wirkung der Sätze und der Wortwahl, wie welche Worte auf andere wirken. Jeder sollte sich einen Satz überlegen, wie man ihn salopp und locker sagen würde. Also es ging darum, wenn man irgendeinen Vowurf bekommt, wie man dann am besten reagiert, natürlich ohne "ausfallend" zu werden. Ich habe in dem Moment an eine Kollegin gedacht, die mich manchmal etwas "nervt" (obwohl es in der letzten Zeit deutlich weniger geworden ist). Hin und wieder würde ich ihr dann halt gerne meine Meinung sagen, nicht frech oder ausfallend, einfach nur darüber, wie ich ihr Verhalten finde. Ja, das habe ich vorhin bei der Übung dann zunächst locker und salopp gemacht und dann halt mit anderen Worten. Diese Übung fanden alle sehr schwer. Dafür haben wir über eine Stunde gebraucht, bis alle durch waren. Man glaubt ja gar nicht, wie viele Wörter es gibt, womit man eine solche "Beschwerde" (im weitesten Sinne) vorbringen kann. Das haben wir bei jedem Teilnehmer in der Gruppe so gemacht, den "vernünftigen" Satz (nicht den saloppen) mit verschiedenen Wörtern ausprobiert (ärgerlich, sauer, wütend, enttäuscht, verletzt, übergangen usw.). Je nachdem, welche Wortwahl man trifft, kommt der Satz, der Inhalt dann völlig unterschiedlich rüber, worüber man sich zuvor gar keine Gedanken gemacht hat. Ja, auch dieses Thema fand ich sehr interessant (das fanden heute alle mit am interessantesten). 

Die letzte Übung fand ich dann am schlimmsten (also für mich persönlich), dabei habe ich dann auch mehr oder weniger "versagt", also aufgegeben. Es war ein Rollenspiel. Ausgerechnet ich sollte dabei (in meiner Gruppe) einen "Chef" spielen und einer Mitarbeiterin sagen, dass sie fürs Telefon demnächst etwas länger arbeiten soll. Damit war ich voll und ganz überfordert. Ich bin keine Vorgesetzte und werde es auch niemals sein. Ich fühle mich voll und ganz als "Sachbearbeiterin", also als "Befehlsempfängerin", wie ich es vorhin genannt habe. Ich habe ganz bestimmt keine Führungsqualitäten. In dem Gespräch ging es zudem ja auch noch um eine Situation, die mich selber seit Jahren beruflich betrifft. Mein Kollege (in der Frau vorhin sah ich dann mehr oder weniger meinen Kollegen) übernimmt meistens morgens das Telefon, dafür macht er regelmäßig relativ früh Feierabend und ich übernehme es dann Nachmittags. Damit habe ich keine Probleme, das läuft bei uns total super. Auch Freitags, meistens bleibe ich etwas länger und sollte ich gelegentlich mal was vorhaben (relativ selten), dann springt er halt ein, aber im Normalfall macht er Freitags früher Feierabend. Wie gesagt, ich komme mit dieser "Rolle" sehr gut klar, habe damit keinerlei Probleme. 

Ja, das Rollenspiel fand vorhin dann bereits nach wenigen Sätzen ein sehr schnelles Ende. Als ich zu der Frau (meiner "Mitarbeiterin") sagte, dass sie demnächst wegen dem Telefon länger arbeiten solle, da kam sie genau mit den Argumenten, die die Zusammenarbeit zwischen meinem Kollegen und mir sozusagen perfekt beschreiben. Naja, das entsprach halt genau meinem Denken und ich war sofort völlig "schach-matt", mir fiel kein einziges Gegenargument ein, wenn ich doch eh länger bleibe, weshalb auch sie nur wegen dem Telefon länger bleiben solle. O. k., bei dem Rollenspiel ging es ums Prinzip, aber ich bin halt keine Schauspielerin (was ich den anderen vorhin auch offen gesagt habe), konnte mich nicht in die Rolle des Chefs hinein versetzen und fand ihre Argumente (so wie ich sie aus meinem täglichen Arbeitsleben her kenne) völlig richtig und logisch und habe deswegen das Gespräch abgebrochen. Die Anderen waren über meine Reaktion sehr überrascht, aber schließlich sind alle anderen aus dieser Gruppe ja auch Bereichsleiter, Teamleiter, Gruppenleiter usw., haben schon öfters in der Realität solche Gespräche geführt, wissen, wie man sich auf Gegenargumente einstellt. Für mich war dieses Gespräch eine absolute Premiere und ich wäre bei diesem Rollenspiel, wenn überhaupt (da ich halt eh keine Schauspielerin bin) in der anderen Rolle als Mitarbeiterin besser aufgehoben gewesen als Chef. Mit dieser Rolle konnte ich mich nicht im geringsten identifizieren und war gedanklich, also was die Argumente betrifft, voll und ganz auf der Seite der Mitarbeiterin, war deswegen auch nicht in der Lage, dieses Gespräch vernünftig weiter zu führen. Nein, also mit dieser Situation war ich völlig überfordert. 

Ja, aber dann sollten die Anderen mich bzw. mein Verhalten beurteilen, was für mich extrem hart war. Ich wurde immer nervöser, meine ganze Mimik und Gestik sprach Bände (ich bin darauf angesprochen worden, dass mich diese Situation so aufwühlt). Ich bin eigentlich hier, um, wenn möglich, etwas mehr Selbstbewusstsein zu bekommen, mich in manchen Situationen besser verhalten und "verteidigen" zu können, aber ganz bestimmt nicht, um Chef zu spielen und über andere bestimmen zu können, auch nicht im Rollenspiel, ich kann mich nunmal nicht da rein denken (in die Rolle des Chefs bzw. Vorgesetzten). Umso mehr Vorwürfe ich mir anhören durfte (dass ich das Gespräch nicht vernünftig beendet habe, dass ich nicht genügend auf die Mitarbeiterin eingeredet habe), umso nervöser und aufgewühlter wurde ich. Schließlich war ich den Tränen nahe, was der Seminarleiterin aufgefallen ist und sie ging dann schnell zu einem anderen Team weiter, damit ich mich wieder beruhigen konnte. Wie gesagt, die Anderen kennen solche Gespräche, für mich war es zum ersten Mal und ich konnte mich nicht in die Rolle des Chefs hineinversetzen, die Argumente der Mitarbeiterin fand ich wesentlich passender, weil sie meinen Arbeitsbereich halt sehr genau beschrieben haben, was inzwischen seit Jahren auch sehr gut läuft. 

Als ich danach dann auf mein Zimmer kam und meine Mutter angerufen habe, da war sie vor Angst vor morgen, vor der ersten Dialyse mächtig nervös und aufgewühlt, was ich sogar durchs Telefon gemerkt habe. In dem Moment kam alles bei mir durch, die Angst um meine Mutter, wie die Dialyse läuft, wie sie es überhaupt verträgt (manche Patienten sehr gut, andere fühlen sich danach total matt und ihnen wird mächtig schlecht), und auch die Aufregung von der Übung, bei der ich anscheinend "versagt" habe, zumindest durfte ich mir von dem Rest der Gruppe sehr viele negative Kommentare anhören (dass ich die Rolle des Chefs nicht zu Ende gespielt habe). Ja, und dann liefen plötzlich die Tränen, ich konnte sie nicht mehr zurück halten. Das war alles seelisch ein bisschen zu viel für mich. Als ich mich dann wieder beruhigt habe, habe ich den Koffer dann schon mal in Ruhe gepackt (damit es morgen früh nicht zu hektisch wird). 

Mal sehen, was morgen Vormittag dann noch auf mich zukommt. Der Kurs geht dann nochmals bis Mittags. 

Was das Selbstbewusstsein angeht, diesbezüglich denke ich jetzt positiv an Anfang November, wenn ich in den Schwimmverein eintreten werde (ich plane es fest ein). Auch wenn Wasser nicht unbedingt "mein" Element ist, trotzdem tut mir die Bewegung im Wasser halt sehr gut. Zum einen freue ich mich deswegen auf die Wassergymnastik und das Schwimmen, habe aber trotzdem auch die Hoffnung, dass ich dort im Laufe der Zeit den "einen oder anderen" kleinen Kontakt schließen werde. Das wird mir dann ganz bestimmt mehr bringen, als hier die Gesprächsführung eines Chefs zu lernen, zumal alle anderen diesbezüglich ja bereits mehr Erfahrung haben (als Teamleiter usw.). Unter diesen Teilnehmern, die bereits alle an mehreren ähnlichen Kursen zum Thema Mitarbeiterführung teilgenommen haben, fühle ich mich mächtig fehl am Platze. 

TitelAutorDatumBesucher
Mi. 08.04.2020PetraM09/04/2020 - 08:4311
Di. 07.04.2020PetraM08/04/2020 - 09:1218
Mo. 06.04.2020PetraM07/04/2020 - 03:5590
So. 05.04.2020PetraM06/04/2020 - 09:0794
Sa. 04.04.2020PetraM05/04/2020 - 16:3093
Fr. 03.04.2020PetraM04/04/2020 - 14:0293
Do. 02.04.2020PetraM03/04/2020 - 05:28171
Mi. 01.04.2020PetraM02/04/2020 - 04:11195
Di. 31.03.2020PetraM01/04/2020 - 09:06178
Mo. 30.03.2020PetraM31/03/2020 - 04:49200
So. 29.03.2020PetraM30/03/2020 - 18:55202
Sa. 28.03.2020PetraM29/03/2020 - 18:47201
Fr. 27.03.2020PetraM28/03/2020 - 14:36214
Do. 26.03.2020PetraM27/03/2020 - 09:46221
Mi. 25.03.2020PetraM26/03/2020 - 09:47231
Di. 24.03.2020PetraM25/03/2020 - 09:47226
Mo. 23.03.2020PetraM24/03/2020 - 09:46194
So. 22.03.2020PetraM23/03/2020 - 05:17197
Thema Hobby, Sport & TherapiePetraM22/03/2020 - 23:27219
Sa. 21.03.2020PetraM22/03/2020 - 20:27223
Fr. 20.03.2020PetraM21/03/2020 - 19:51232
Do. 19.03.2020PetraM20/03/2020 - 09:58258
Mi. 18.03.2020PetraM19/03/2020 - 09:51249
Di. 17.03.2020PetraM18/03/2020 - 10:01266
Mo. 16.03.2020PetraM17/03/2020 - 06:16250
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