4. Akt - Du willst nur sicherstellen, dass ich dich niemals vergesse

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Die Woche war zu schnell gekommen. Schon alleine der Gedanke daran, dass er mich den ganzen Tag nicht beachten würde, war nervenaufreibend. Verfluchter Kerl. Eigentlich verfluchte ich in dieser Woche so ziemlich alles. Wenn ich Auto fuhr, dann mit ziemlich deprimierender Musik. Ich glaube ich liebe es, mich selbst runterzuziehen.

Als wir aus dem Standesamt kamen, indem meine Freundin geheiratet hatte, waren alle Freunde zum Spalier stehen versammelt. Natürlich auch er und sah blendend aus in seinem Anzug. Ich freute mich ehrlich auf den Sekt, zu dem es dann auch überging. Da standen wir also nun alle. Es war wunderschön. Für mich aber etwas beklemmend. Ich war nah am Sekktisch, also ließ ich immer wieder drauf kippen. Als ich all meinen Mut gesammelt hatte und der Sekt wirkte, ging ich rüber zu ihnen. Er sah mich, drehte sich in meine Richtung und kam auf mich zu. Ich war verwirrt. Er erhob sein Glas und wir stießen an. Ich wusste nicht, was hier verkehrt lief. Er war doch derjenige der mich letzte Woche nicht eines einzigen Blickes gewürdigt hatte und nun das? Ich machte ihnen ein Kompliment über ihre Anzüge und er entgegnete mir, dass ich sehr hübsch in meinem Kleid aussah und sie mitziehen mussten. Wirklich sehr hübsch. 

Ich versuchte mit beiden aktiv zu reden, aber es gelang mir nicht, lange Blicke speziell mit ihm zu tauschen. Er sah mich so intensiv an, ich beschloss es zu versuchen. Ich richtete meinen Blick auf ihn, blinzelte gefühlte 100 mal und wendete meinen Blick auf das Sektglas in meiner Hand ab. War er die verdammte Sonne oder was? Ich erzähle ihnen noch ein bisschen davon, was wir letzte Woche getan hatten, nachdem sie sich verabschiedet hatten und bedauerte, dass sie nicht länger geblieben waren. Ich hatte ernsthaft nicht bemerkt, dass sich die Runde mehr oder minder schon aufgelöst hatte. Also verabschiedete ich mich mit einem Händedruck und freute mich insgeheim schon so sehr auf abends, wenn sie wiederkommen würden.

Es wurde so ein schöner Tag, alles lief wie geplant und alle waren glücklich und zufrieden. Ich verlor sogar den Abend ein bisschen aus den Augen. Es wurde gut gespeist und getrunken. Ich stand in der Küche, als alle übrigen Gäste so langsam eintrudelten.
Von ihm noch keine Spur. Als ich gerade an der Bowle nippte und in den Gang starrte, standen sie da. Als sie Platz genommen hatten, pirschte ich mich langsam zu diesem Tisch und bat sie darum, sich im Gästebuch zu verewigen.

Ich hatte den Deckel des Stiftes in der Hand. Wir versuchten den Stift wieder zusammen zu stecken. Ich zitterte. Um das ganze zu überspielen, nahm ich ihm den Stift aus der Hand. Wir sahen uns so intensiv in die Augen. So intensiv wie bei unserer ersten Begegnung. Mir war heiß und es blieb dabei. Er nahm sich einen Kaugummi aus einem Papier und bewarf mich damit. Ich deutete auf den Tisch neben uns. Dort standen die Stifte und er verstand. Er gab sie mir und ich schrieb eine Nachricht darauf und warf unseren "Zettel" zurück. Er wiederholte das ganze, nahm sein Handy und deutete mir auf meines zu sehen. Auf dem Weg zu meinem Handy wurde ich von drei Menschen aufgehalten. Die eine wollte einen Schnaps mit mir trinken, der Andere eine lustige Geschichte erzählen und die Dritte lobte mein Kleid. Und ich? Ich wollte einfach nur zu meinem Handy. Endlich angekommen, bekam ich eine Nachricht: Willst du reden? Ich schrieb: Komm raus. Er stand auf.

Mein Herz pochte, ich wollte nach. Wurde wieder aufgehalten. War das ein schlechter Film? Wir konnten uns nicht entscheiden, wo wir reden sollten. Also zog ich ihn kurzerhand ins Gästezimmer. Was ich sofort bereute - auffälliger geht es wohl kaum. Ich schob zwei Stühle so, dass sie sich gegenüber standen. Saß mich auf einen und deutete ihm sich zu setzen. Er aber saß sich auf den Stuhl neben mich. Ich sprang auf und wechselte auf den Stuhl gegenüber. "Spielen wir reise nach Jerusalem?"
"Wenn du es so willst, ja!" ich atmete tief durch.

"Ich sehe, du willst körperliche Distanz zu mir aufbauen" . Ganz recht, mir wurde schon so dermaßen heiß davon, weil wir zusammen in einem Raum waren. Wie konnte jemand nur so charismatisch daher kommen? Ich fasste dieses ganze hin und her zwischen uns noch einmal zusammen. "Gute Zusammenfassung. Ich wollte mit dir reden, weil ich letzte Woche schon nicht wusste, wie ich mit dir umgehen soll". Weil er letzte Woche nicht wusste wie er mit mir umgehen soll, soso! "Ich finde dich sehr interessant" Ich vergaß zwischendurch zu atmen und presste meine Beine so fest zusammen, dass es weh tat. In diesen Moment habe ich innerlich gefühlt alles hingeschmissen und bin in meinem Kopf mit ihm durchgebrannt. Wieso übte er so eine wahnsinnige Faszination und Anziehung in mir aus, obwohl wir uns an diesem Tag das ditte mal gesehen hatten, zusammengenommen vielleicht für eine Stunde? Mein Kopf war matsch, dementsprechend kam ich etwas ungelassen daher, ich beugte mich nach vorne. "Ich sehe, du kommst mir näher" Ich lehnte mich schnell wieder zurück und fragte ihn, ob das nicht alles viel zu kompliziert für ihn wäre. "Ich würde mich einfach nur gerne mal mit dir treffen. Wann und wie, das musst du entscheiden. Ich bin ungebundener als du". Ein paar Sätze, die ich nicht mehr zusammenfassen kann später, beschlossen wir wieder zu unseren Plätzen zu gehen. Ich wusste nur nicht wie - wir waren schließlich noch in einem der Gästezimmer und ich wollte nicht gesehen werden. Er meinte, dass das doch alles kein Problem wäre, schließlich ist das Licht an. Er hebte die Hand zum Lichtschalter und knipste ihn aus. Mein Herz rutschte in die Hose, hoffte aber dass etwas geschah. "Jetzt ist das Licht aus" gefühlte 100 Jahre später, es geschah nichts, ging das Licht wieder an " ....aber es ist an". Ich atmete durch und ging raus. Keiner hattte etwas bemerkt, denke ich zumindest.

Immer wenn er an mir vorbei gegangen ist, striff er meine Hand. In mir flatterte alles. Als ich auf dem Balkon stand, merkte ich einen bohrenden Blick. Ich kam mir so durchdrungen, so transparent vor. Was war das bloß? Ich sah irgendwann wie sie sich erhoben um zu gehen, in mir machte sich die Enttäuschung breit. Ich stand in der Küche, er kam auf mich zu und umarmte mich. Dann ging ich mit in den Flur, sie zogen sich ihre Jacken an. Dann kam er nochmal auf mich zu und wir umarmten uns - einen Ticken zu lang und intensiv. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Als sie draußen waren, sagte meine Freundin nur anzüglich "Dafür, dass ihr keinen Kontakt mehr habt, war die Umarmung aber ganz schön intensiv". Wir beschlossen mehr Alkohol zu trinken. Der Mann meiner Freundin merkte auch ziemlich schnell, dass ich mich komisch verhielt. "Was ist denn los mit dir, du bist auffällig still" meine Freundin darauf "Lass sie, sie genießt halt nur ihren Drink" . Puhhhh! Ich fühlte mich schmerzlich lebendig. Den nächsten Tag verbrachte ich in fiebriger Nervosität.

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