6. Akt - Carry You Home

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Er hatte des rätsels Lösung weswegen es gestern so hell war. Es war der Vollmond. So schrieb er mich wieder an. Kreativ - so etwas hatte ich auch gesucht. Da es mir daran ermangelte, ließ ich es bleiben.

Er wollte sich wieder mit mir treffen. Ich sehnte mich so sehr danach, konnte aber nicht, da man den unangenehmen Wahrheiten nach wie vor ins Auge blicken musste: Ich wohnte noch mit meinem Freund zusammen. Das zerriß mich innerlich, ich war emotional schon so weit entfernt.

Auch mit ihm wurde es nicht leichter. Wir waren gerade bei einem vollkommen anderen Thema als plötzlich Nachrichten in denen er mir deutlich machte, dass sein "Angebot" nicht auf unbegrenzte Zeit steht. Er plane nicht in die Zukunft aber wenn er vom "Markt ist, ist er vom Markt". Ich verstand nicht und er deutete mir, ich sollte mir den Text nochmal durchlesen und es ganz allgemein sehen, mich in seine Lage versetzen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wollte er mir da gerade deuten, dass er wirkliches interesse an mir hatte, die Umstände aber nicht passend wären um letzendlich mit mir zusammen zu sein, oder meinte er das ganze rein sexuell. Ich konnte nicht wirklich schlafen in dieser Nacht. Auch in der Arbeit drehten meine Gedanken immer wieder zurück zu diesem Thema.

Ich schrieb ihm, ob er noch an diesem Abend Zeit hatte. Ich wollte die Sache klären, bevor sie sich weiter verselbstständigte. Er hatte Zeit, nun galt es nur noch die Zeit bis 18 Uhr zu überbrücken. Ich war wieder genauso nervös wie beim letzten Mal. Ich fuhr wieder zu unserem Treffpunkt, diesmal aber mit einem anderen Ziel. Wir begrüßten uns und ich lotste ihn zu meinem Auto. Ich wollte weit genug weg fahren um Raum und Zeit für Gespräche zu lassen.Wir redeten während der Fahrt über allerlei Themen und ich merkte, dass wir in unseren Grundauffassungen ziemlich gleich tickten. Mir gefiel das.

Am Ziel angekommen, suchte ich den Ort, den mir meine Freundin immer geschildert hatte. Es war eine Stelle an einem See, zu dem nur Fischer kamen. Aber nicht um diese Uhrzeit. Ich parkte und fing an zu reden. Ich wollte nochmal auf dieses Thema eingehen. Er aber blockte ein wenig. Ich konnte ihn beim Reden nicht wirklich ansehen, weswegen er irgendwann mein Kinn nahm und meinen Kopf immer wieder zu sich drehte. Ich wurde zunehmends nervöser und konnte meinen Standpunkt gar nicht mehr äußern. Schließlich drehten wir uns im Kreis und er animierte mich noch einmal zum Nachdenken. Ich solle das ganze ganz allgemein betrachten.

Ich dachte eine gefühlte Ewigkeit darüber nach. Konnte es wirklich sein, dass er auf eine Beziehung mit mir aus war. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Was aber blieb als Alternative? Hatte er sich jetzt wirklich so lange mit mir abgegeben nur für ein bisschen Sex? Ich konnte das nicht ausformulieren und wollte auch keinen Korb, deswegen fragte ich erst gar nicht danach und hielt einfach meinen Mund - das war etwas was mir sonst ganz und gar fern lag.

Ich nahm sein Handgelenk und fühlte heimlich seinen Puls. Er war beschleunigt. Zwar kannte ich seine normale Frequenz nicht, aber ich deutete es als gutes Zeichen. Ich erzählte ihm was ich gerade getan hab und er wollte meinen Puls an der Halsschlagader fühlen. Dabei kam er meinem Gesicht immer näher und wir küssten uns. Es war sehr leidenschaftlich. Leidenschaftticher als das letzte mal und um einiges intensiver. Ich selbst hatte einiges an Hemmung verloren. Es ging im Auto eine Weile so weiter, wir wechselten sogar auf die Rücksitzbank - ohne Sex. Aber iregendwie vereinbarten wir für das nächste mal so etwas wie ein "Sexdate". Auf der einen Seite wollt eich nichts mehr als das, auf der Anderen hatte ich Angst, dass wir uns so nie besser kennenlernen würden. Vor allem weil ich körperlich so stark auf ihn reagierte und nicht mehr Herr meiner Sinne, wenn er anwesend war. Ich konnte mich in meiner Persönlichkeit doch niemals beweisen.

Er war der erste der bemerkte, dass es schon spät war. Ich selbst sollte das noch viel schlechtere Gewissen, in anbetracht der Uhrzeit haben, hatte es aber nicht. Ich fuhr ihn heim. Auf dem Weg redeten wir noch über zu früh geschlossene Ehen und auch in diesem Punkt waren wir uns einig. Ebenso in Punkto Kinder. Ich fühlte mich wohl. Als fast bei ihm angekommen waren erklang auf einmal "Carry you home" aus dem Radio. Ich fühlte mich mal wieder ertappt und sagte etwas wie "irgendwie kommen zum Abschied immer diese Schnulzen...:" darauf er: "...vielleicht ist das kein Zufall". Mein Herz machte einen Sprung, wir küssten uns und er stieg aus. Ich war auf Wolke 7.

Und weil ich auf Wolke 7 war, fragte ich mich ernsthaft, weswegen ich mich so lange wissentlich auf Wolke 4 abgegeben hatte um nicht unten wieder ganz allein zu sein. Ich will nicht sagen, dass meine Beziehung nur Tiefen hatte. Auf der anderen Seite will ich nichts verherrlichen. Ich war mir schon immer bewusst gewesen, dass er nicht die Liebe meines Lebens war. Es war schon immer zu nüchtern gewesen.

Ich wusste, dass mein Freund nun daheim saß und mich bald fragen würde, wo ich denn gewesen sei. Als ich Richtung Einfahrt fuhr, sah ich schon sein Auto. Drinnen angekommen saß er auf dem Sofa und aß etwas. Ich denke ich habe es ziemlich unsanft abgewickelt, als ich mich neben ihn saß, mental bereit war die Wahrheit zu sagen und eröffnete: "Willst du jetzt darüber reden oder später?"
Er: "Natürlich jetzt"; Ich: "Ich treffe mich heimlich mit **"; Er: "Fickt ihr miteinander?" Ich: völlig verdutzt über diese ekelhafte Art sich auszudrücken "Nein"; Er: "Hast du dich verliebt?" Ich: Schweigen

Schweigen sagt manchmal mehr als trausend Worte. Er bat mich ihn alleine zu lassen. Als er zu mir kam war er bleich wie eine Wand. Auch ich fühlte mich nicht sonderlich gut. Ich rüttelte ebenso gerade einen meinen Grundmauern. Die Grundmauern, die wir schon vor einer ganzen langen Weile überdenken hätten sollen. Ihm war klar, dass ich gerade Schluss gemacht hatte. Er flehte mich förmlich an zu bleiben, verstand aber auch,dass es nicht mehr ging. Ich möchte hier gar nicht mehr näher darauf eingehen, denn es war Dingfest. Ich war endlich fest entschlossen mich zu lösen. Unsere Vorstellungen einer Beziehung waren zu unterschiedlich.

Schon seitem meine Freundin sich entschieden hatte zu heiraten, war ich mir nicht sicher, ob ich für mich selbst generell einen inneren Groll gegen Hochzeiten hegte oder aber, ob ich nur nicht ihn heiraten wollte. Hier war die Antwort. Ich hatte kurz Angst, dass ich etwas ganz und gar falsches tat. Aber es war nur wieder meine innere Komfortzone die mich so denken ließ. Die Zone, die ich endlich verlassen wollte und nun auch habe.

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