Ein Akt für sich - I believe I'm fine

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Er stand auf, ging in den Flur und zog sich seine Jacke an - irgendwas düsteres umgab ihn und ich hatte ein seltsames Gefühl.

Es fing ganz gut an - ich hab ihn zu mir zum Essen eingeladen. Wir saßen in der Küche, unterhielten uns, ich trank Wein. Jedes mal wenn wir so dasitzen und ihm ein Lächeln über das Gesicht huscht, finde ich ihn so schmerzlich schön.

Manchmal kann ich kaum zuordnen welcher Mann nun vor mir sitzt. Er ist so unglaublich facettenreich und manchmal fügt sich das Bild in meinem Kopf einfach nicht zusammen. Einmal ist er der liebevolle Romantiker, ein anderes mal der leidenschaftlich, manchmal zu grobe Liebhaber, Spitzbübisch oder der grüblerisch, düstere Kerl. Es liest sich sicherlich so als wäre ich jetzt in einem schechten SM -Film ala Shades of Grey gelandet. Im weitesten Sinne fühlt es sich aber manchmal auch so an.

Wir lagen kuschelnd auf meinem Bett. Ich erzählte irgendwann von meiner Oma, dass sie Silvester mit ihren Nachbarn verbrachte. Er entgegnete mir, dass sie das nur sagen würde, damit wir uns keine Sorgen um sie machen. Ich wollte ihn gerade vom Gegenteil überzeugen, als ich merkte, dass sein Gemütszustand erheblich zu schwanken begann. Ich fragte ihn was ein Familienmitglied, auf das ich nicht näher eingehen möchte, von ihm macht. Er entgegnete mit fast schon sehr forsch, dass er darüber nicht reden wolle und das Theme wechseln möchte. Er drückte mich an sich, löste sich letzendlich dann aber aus meiner Umarmung und verschwand ins Bad. Ich glaube er nuschelte etwas von wegen "Ich muss kurz raus" . Ich verstand die Welt in diesem Moment nicht mehr. Als er wieder raus kam, sah er bedrückt aus. Drückte mich. Ich sagte zu ihm, dass er ruhig zu XY fahren könne, dass ich kein Problem damit hätte. Ich solle zu meiner Schwester fahren "Es wäre besser so" - ich soll ihm vertrauen. Ich verstand und verstehe nicht.

Er stand mit den Worten "Ich fahre jetzt" auf und ging in den Flur. Nachdem er seine Jacke und Schuhe angezogen hatte, küsste er mich nochmal eindringlich, richtete seine Worte "fahr zu deiner Schwester" nochmal an mich, küsste mich nochmal, öffnete die Tür und verabschiedete sich  mit einem "Ciao" und verschwand. Irgendwie war ich verdutzt. Es fühlte sich zu sehr nach einem Abschied an. Mir war nach weinen, entschied mich aber dagegen, weil ich nicht wusste wie. Ich fühlte mich unendlich bedrückt.

Kurz spielte ich mit dem Gedanken mich tatsächlich noch jemandem anzuschließen, sei es meine Schwester oder einer Freundin. Aber in mir war ein tiefer Widerwille. Das Einzige was mich noch raus in die Welt gezogen hätte, war der Gedanke an das allgegenwärtige Mitleid, dass mir wohl alle entgegen bringen würde, wenn ich ihnen erzählen würde, dass ich alleine gewesen bin. Ich entschied mich aber letztendich damit zu leben und für meine geöffnete Weinflasche. Es war so still. In dem Haus in dem ich wohne, waren alle ausgeflogen, als ich aus dem Fenster sah, sah ich in den umliegenden Häusern auch nur dunkle Fenster. Alle waren weg, ich war da. Ich konnte meine Gefühle schlecht zuordnen. Nur den Druck den ich spürte, aber ich wusste nicht einmal ob es mein Eigener war, oder der von ihm, der auf mich übergegangen ist.

Ich versuchte nochmal ihn anzurufen - vergeblich. Ich schrieb ihm, dass er sich bei mir melden könne, wenn er etwas braucht. Mittlerweile, vor allem weil er mich ignoriert, könnte ich mich dafür ohrfeigen. Ich wartete bis 0 Uhr. Saß mich auf den Balkon und sah dem Feuerwerksgeschehen zu. Ich lachte mich selbst aus. Vor allem weil ich mich bei dem Gedanken ertappte, er könnte wiederkommen. Wie töricht. Ich startete noch einmal einen Anruf und landete ein weiteres Mal auf der Mailbox. Ich gab auf, ging ins Bett, schrie in mein Kissen und entschied mich nach einer schlechten Silvestersendung letzendlich für den befreienden Schlaf.

Ich träumte mal wieder davon, dass er seinen Whatsappstatus geändert hatte. Das träume ich seltsamerweise jedes verdammte mal, wenn er sich nicht meldete. Ich denke das ist eine Versinnbildlichung - für Veränderung.

Er hat sich nach wie vor nicht bei mir gemeldet und mittlerweile verliere ich mich zu sehr in Grübelein, was mich wirklich ärgert. Generell ärgert mich die Situation. Nicht weil ich alleine gewesen bin, sondern deswegen, dass er mich wieder wissentlich ignoriert und keine anstalten macht, sich selbst zu erklären bzw. sich kurz einmal meldet. Sei es nur, mit einem kurzen "Hallo ich bin noch am Leben".

Ich bin gespannt wie es mit uns weiter geht, oder eben nicht.

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