Letzter Akt - Just stop your crying it's a sign of the times

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Ich saß also im Auto, im Radio "Sign of the times" und dachte mir, wie ironisch mein Leben doch ist. Die Frage ist nur manchmal, ob das Leben mit mir oder über mich lacht.

Ich sah auf die Sporttasche auf dem Beifahrersitz und wollte irgendein Gefühl. Irgendwas. Manchmal würde ich gerne weinen, manchmal würde ich gerne diesen Unmut in mir spüren - es geht aber nicht. Ich beneide Menschen, die ihren Gefühlen einfach so freien Lauf lassen können. Einfach von einen Moment auf den anderen alles rauslassen zu können. Es scheint als würde ich meine Gefühle so lange in mein Unterbewusstsein verbannen, bis ich wieder schweißgebadet in meinem Bett sitze und von meinem eignen Schrei wach werde und letzendlich in den tiefsten, schwärzesten Nächten über meine tiefsten, schwärzesten Abgründe nachdenke und nach wie vor zu keinem Entschluss komme.

Ich habe gespürt, dass heute etwas passieren würde. Dann, wenn ich es am wenigsten erwarten würde. Dieses mal sollte es allerdings anders sein, dieses mal wollte ich nicht auch noch das letzte bisschen Verstand aus meinem Kopf verbannen und endlich so handeln wie es mir danach am besten gehen würde. Keine Selbstverletzungen mehr.

Ich war noch was einkaufen, als ich spürte, dass mein Handy vibrierte. Ich musste noch nicht einmal auf den Display schauen um zu wissen wer mir gerade geschrieben hatte. Er. "Ich hole morgen meine Sportsachen ab, ok?" Nichts was okay, seine Sportsachen hatte ich gedanklich schon mindestens 50 mal verbrannt. Außerdem hatte ich keine Lust auf das Drama, dass sich wohlmöglich wieder vor meiner Türe abspielen würde, wenn er seine Sachen holen würde. Ich überlegte hin, ich überlegte her. Ich schrieb ihm, dass ich es ihm auch vor die Haustüre legen könne. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten "Optimal". Was daran optimal war, verstand ich ebenso wenig, wie das OK.

Ich fuhr heim, lud die Sporttasche und den ganzen anderen Krempe ein, habe sogar noch überlegt, ob ich den Hasen, den er mir einmal geschenkt hatte zu zerbrechen und beizulegen, entschied mich aber dagegen. Mir würde es das Herz brechen, ihm das Herz zu brechen und genau das unterscheidet uns in einem wensentlichen Punkt. Ich würde ihm niemals Leid zufügen wollen, er tut es hingegen in regelmäßigen Abständen. Es ist nicht einmal so, als würde ich ihn dafür verachten. Er kann nichts dafür, er ist sich seiner Taten nicht bewusst und wird es auch nicht sein, solange er so weiter macht wie bisher. 

Ich stieg ins Auto, "Sign of the times" erkang, ich sah die Sporttasche an, fuhr und fuhr. An seiner Haustüre angelangt, machte ich es kurz und schmerzlos. Tasche vor die Tür, ins Auto und weiter.  Ich dachte an eine Freundin, sah auf mein Handy und siehe da, sie hatte mir geschrieben, was ich heute Abend noch vorhatte. Ich bin seltsam. Ich erklärte ihr die Situation, wir legten auf, ich wollte alleine sein. Wollte nur Schreiben.

Auf der Rückfahrt machte ich mir nochmal Gedanken über die Ironie meines Lebens, über die Ironie die unser Beziehung betraf. An all die Lieder die ich hörte, als ich mich im Anfangsstadium meines absolutären verliebtseins befand. Da wäre "Lovefool" von The Cardigans, das bei unserem ersten Treffen nach der Weiherknutschaktion im Auto erklang und ich peinlich berührt war wegen dem "Love me, love me, say that you love me" . Näher betrachtet, ist das ein verzweifeltes Lied einer Frau der es gerade genau so geht wie mir aktuell mit einer fröhlichen Melodie verpackt.

Auch bei unserem ersten Treffen, direkt nach "Lovefool", als er mich bei meinem Auto aussteigen ließ " Too good at goodbyes" von Sam Smith und ich mir noch dachte: "Wie lustig! Ein Abschiedslied, wenn wir uns verabschieben". Tja, dass der Abschied in dem Lied wohl eher ein Abschied für immer ist, hatte ich in dem Moment natürlich überhört. "I´m way too good at goodbyes" - gelogen wars jedenfalls nichts.

 "Carry you home" von James Blunt, bei der Verabschiedung unseres zweiten Treffens. Abschiedslied, sowas von. Vor unserem ersten richtigen Treffen habe ich mir permanent "Attention" von Carlie Puth angehört. Und es stimmt, er will nur die Aufmerksamkeit, er will nicht mein Herz.

Ironisch war auch, dass ich den ersten Blogeintrag über ihn noch einmal nachverfasst habe. Im Zuge dessen habe ich einen Brief hervorgeholt, den ich ihm einmal zum Geburtstag geschenkt hatte - mit eben diesem Eintrag. Meine erste Liebeserklärung an ihn sozusagen. Ich habe dem Brief einen kleinen Ausschnisch aus einem Kalender beigelegt mit einem Spruch "Wenn du immer das tust, was du möchtest, ist wenigstens schon mal ein Mensch glücklich". Den Spruch muss er sich wohl verinnerlicht haben.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass er sich die Sporttasche morgen nur abholen wollte um irgendwie an mich ranzukommen. Weil er einfach nicht weiß, wie er es anstellen soll. Ich glaube die Tatsache und mein Handeln zeigt auch, wie sehr ich es leid bin immer wieder von neuem zu beginnen. Zwar ist es jedes mal ein prickelndes Erlebnis, das Feuer entflammt immer wieder. Die Sehnsucht siegt dabei zumeist. Ich merke hingegen auch, wie ich immer mehr beginne mich dabei zu verlieren. Wie immer mehr kaputt geht und ein irreperabler Schaden entsteht. Diejenige die dann am meisten leidet, bin ich.

Ich will nicht leiden, ich will leben.

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