Erinnerungslücken

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 „Ach, wer weiss das schon?“, dachte sie an die Warnung ihrer Mutter zurück, zuckte mit den Achseln und stieg ein. Der Fahrer sah ganz gut aus. Er sass nur da und grinste süffisant, oder vielleicht auch anzüglich. Das konnte sie nicht so genau beurteilen. Es waren wohl seine abgrunddunklen Augen, aus denen er sie musterte, die sie schaudern liessen. Es rann ihr kalt den Rücken hinab. „Ich ich, äh also, ich hab was wichtiges zu Hause liegen lassen“, stotterte sie, „danke trotzdem. Aber ich muss noch mal zurück.“ Ihre Hand griff nach dem Türgriff, doch diese lies sich nicht öffnen. Er grinste weiter. „Hat es eine Kindersicherung, vielleicht?“, fragte Ana verwirrt. Jetzt lachte er schallend, setzte den Blinker und reihte den Wagen in die nächste Lücke ein. „Lassen Sie mich sofort raus“, schrie Ana hysterisch, doch er verzog keine Miene. Mittlerweile war wieder sein Grinsen auf die Lippen zurückgekehrt. 

„Das wars dann wohl Ana. Hättest du besser mal auf deine Mutter gehört.“ Sie war den Tränen nahe. Panik stieg in ihr auf. Da spürte sie etwas auf ihrem Oberschenkel. Eine Hand, die definitiv nicht zu ihr gehörte. Angewidert stiess sie die schwere Pranke weg. Wieder ertönte ein Lachen. Er schien Anas Angst zu geniessen. Noch immer hatte er kein Wort gesagt und schon wieder war seine Hand da. Diesmal näher an ihrem Schritt. Unwillkürlich  presste Ana ihre Beine fester zusammen. Jetzt bog er in eine Strasse ein. Sie hatte doch vor kurzem mal was gelesen. Wie Frau sich verhalten soll, wenn sie bedrängt wird. Schreien fiel Ana ein, doch was würde das bringen? Es konnte sie ja doch niemand hören. Ihr Gedächtnis war wie leer. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Bis auf einen. Es war vorbei. Zu spät. Die Tränen rannen jetzt in Strömen über ihr Gesicht.  Noch immer fuhr das Auto weiter und sie hatte schon längst keine Vorstellung von ihrem Standort mehr. Wäre sie doch nur zu Hause geblieben. Alles nur, weil sie diesen bescheuerten Streit mit ihrer Mutter hatte. Worum ging es noch mal? Ana wusste es nicht einmal mehr. Und dann war sie gegangen. Zwei Wochen war das jetzt her und seit dem hatte sie nicht mit ihr gesprochen. Plötzlich vermisste sie ihre Mutter. Der einzige Mensch, der immer für sie da war. Einen Vater hatte sie schon lange nicht mehr gehabt.

Ein Ruck, der Wagen stand. „Jetzt ist es so weit“, dachte sie und nahm sich vor, es ihm so schwer wie möglich zu machen. Noch einmal versuchte sie die Tür zu öffnen, aber die war fest verschlossen. Sie ballte ihre Hände zu einer Faust, als der Fahrer ausstieg. Sie war alleine im Wagen und da fiel es ihr ein: „Wenn du nicht raus kannst, sorge dafür, dass er nicht mehr reinkommt.“  Ana stürzte sich auf den Knopf mit der Zentralverriegelung und liess ihn nicht mehr los. „Hoffentlich kann er mit dem Schlüssel nicht trotzdem aufschliessen“, fiel es ihr siedendheiss ein. Sie fischte mit der freien Hand ihr Handy aus der Jackentasche. Als es beim Notruf klingelte, versuchte der Fahrer auf der Beifahrerseite die Türe zu öffnen. Fehlalarm. „Hallo? Bitte helfen Sie mir. Sie müssen mir helfen. Dieser Mann will mir was tun. Bitte.“, weinte Ana panisch ins Telefon. Da ging die Türe auch schon auf. Das Handy fiel hinter die Pedale und Ana wurde aus dem Wagen gezogen. „Nein“, schluchzte sie, dann spürte sie einen Schlag an der Schläfe und ihr wurde schwarz. Es war zu spät, viel zu spät.

 

Sie wachte auf, alles tat weh. Als wäre sie von einem Lastwagen überrollt worden. Selbst ihre Augen schmerzten, als Ana versuchte sie aufzumachen. Sie hörte Stimmen. Da war ihre Mutter. Und ein fremder Mann. Sie schauderte. Wieso? Sie konnte sich nicht an die letzten paar Stunden erinnern. Endlich gelang es Ana ihre Augen zu öffnen. Ihre Mum weinte. Sie weinte auch. Und hatte Angst.

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